zur Navigation springen
Zeitung für die Landeshauptstadt

18. Dezember 2017 | 15:53 Uhr

Geschichte(n) : Erste Schelfkirche älter als gedacht

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Bauhistoriker und Archäologin entdecken Hinweise, die auf einen steinernen Erstbau aus dem frühen 13. Jahrhundert hindeuten

von
erstellt am 11.Sep.2014 | 12:00 Uhr

Wir schreiben das Jahr 1217. Ein paar Häuser drücken sich in die Wald- und Seenlandschaft. Es ist das frühe Schwerin, dessen Name von der Obotriten-Burg „Zuarina“ stammt. Die Slawen zerstörten ihre Burg 1160, als Heinrich der Löwe mit seinen Truppen ins Obotriten-Gebiet vorrückte.

In der Zeit siedeln die Deutschen an der strategisch günstigen Stelle, errichten später eine Feste. Nördlich der Siedlung leben Fischer und einzelne Kaufleute in der von Schilf dominierten Schelfe. Eine Holzkirche reckt ihren Turm aus der Landschaft. Das Domkapitel erwirbt den Landstrich noch im Jahr 1228 aus den Händen von Graf Heinrich I. von Schwerin. Kurz vor seinem Tod stiftet der Herrscher eine dem Heiligen Nikolaus, dem Schutzpatron der Kaufleute, gewidmete Kapelle, die im Jahr 1238 als „novella ecclesia beati Nicolai in Schelmone“ benannt werden wird. Der Steinbau wird die Holzkapelle etwa in den Jahren 1230 bis 1250 ersetzen. Die erste steinerne Schelfkirche?


Forscher legen Beweise frei


Für den Schweriner Bauforscher Tilo Schöfbeck und die Archäologin Cathrin Schäfer ist das Szenario gar nicht so abwegig. Sie sind auf Beweise gestoßen, die die Theorie einer steinernen Schelfkirche in der Mitte des 13. Jahrhunderts belegen und Hinweise auf eine hölzerne Vorgängerin zulassen.

„Bisher zeigen alle Funde in Nordostdeutschland, dass den Massivbauten immer Holzbauten vorangingen und in der Regel mindestens eine Generation verging, bis die Mittel für einen steinernen Neubau zur Verfügung standen“, berichtet der Kirchenbauhistoriker. Als im vergangenen Herbst das Mauerwerk der heutigen Schelfkirche trockengelegt wurde, stießen die beiden Spezialisten an den im Boden verborgenen Außenmauern des Chores auf Hinweise, die ihre Theorie untermauern. Immer wieder berichten undatierte Schriftquellen über Pfarrherren und einen Friedhof mit Hinweisen auf den heutigen Standort der Schelfkirche. „Das Bild der mittelalterlichen Nikolaikirche, das sich uns nach Auswertung der Schrift- und Bildquellen zeigt, kann durch die Grabung am Chor bestätigt und präzisiert werden“, wertet Tilo Schöfbeck die Entdeckung aus.

Die Archäologin Cathrin Schäfer stieß bei ihren Ausgrabungen auf drei romanische Backsteine. Diese „geben deutliche Hinweise auf einen steinernen Erstbau an dieser Stelle“, so Tilo Schöfbeck. Etwas weiter gedacht, könnte die Errichtung der Schelfkirche im frühen 13. Jahrhundert vom Bau des romanischen Schweriner Doms profitiert haben.


Profitiert Schelfkirche vom Dombau?


Rückblick: Wir schreiben das Jahr 1222. Graf Heinrich von Schwerin kehrt von einem Kreuzzug zurück. In seinem Gepäck trägt er eine bedeutende Reliquie mit sich: die Reliquie des Heiligen Blutes, einem in einen Jaspis eingeschlossenen angeblichen Blutstropfen Christi. Es ist der Beginn einer Entwicklung, in deren Verlauf der Dom zu einer der bedeutendsten Wallfahrtskirchen Norddeutschlands werden soll.

„Ob es logistische Verflechtungen mit der Dombaustelle gegeben hat, lässt sich Aufgrund der schlechten Quellenlage und der bislang zu geringen Formsteinfunde nicht näher untersuchen“, meint Schwerins Bauforscher. Funde im Fundament der Schelfkirche lassen nur Vermutungen zu, die allerdings nicht belastbar sind.

Belastbar ist dagegen die Feststellung, dass die heutige Schelfkirche „die mittelalterlichen Fundamente des hochgotischen Vorgängers aus der Zeit um 1300 nutzt und diese noch verstärkt wurden“, so Tilo Schöfbeck weiter.

„1703 wurde der Turm durch einen Sturm zerstört“, berichtet Archäologin Cathrin Schäfer vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege bzw. von der Landesarchäologie MV. „1705 wurde Reutz beauftragt, die alte, baufällige Kirche abzubrechen und an ihrer Stelle einen Neubau zu errichten.Nach Reutz’ Tod 1710 führte Leonardo Christoph Sturm die Arbeiten weiter und konnte den protestantischen Neubau 1712 auf dem Grundriss eines griechischen Kreuzes fertigstellen.“ Es ist die jüngste Bauvariante der Schelfkirche, die bis heute in Schwerin steht.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen