Schätze : Erotisches für die Bauerntochter

Handbemalter Hingucker in den Bauernhäusern vor 200 Jahren: Diese Hutschachteln sind mehr als reine Aufbewahrungsbehälter. Der berühmte Volkskundler Richard Wossidlo hat sie gesammelt, Gesine Kröhnert bewahrt sie im Freilichtmuseum normalerweise in Stahlschränken auf.
Handbemalter Hingucker in den Bauernhäusern vor 200 Jahren: Diese Hutschachteln sind mehr als reine Aufbewahrungsbehälter. Der berühmte Volkskundler Richard Wossidlo hat sie gesammelt, Gesine Kröhnert bewahrt sie im Freilichtmuseum normalerweise in Stahlschränken auf.

Verborgene Kostbarkeiten: Volkskundemuseum bewahrt 200 Jahre alte Hutschachteln und andere Schätze aus der Wossidlo-Sammlung

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09. September 2015, 12:00 Uhr

Sie sind unscheinbar oder riesengroß, erzählen Geschichten vom Alltag, vom Arbeiten und von den Träumen oder Scherzen, von den klugen Erfindungen oder Missgriffen unserer Vorfahren. Sie zeigen auch, warum wird das sind, was wir heute sind. Die meisten Schätze der Volkskunde sind für Besucher allerdings verborgen. Sie lagern so gut verpackt wie eben möglich in der ganzen Stadt. Wenn die Chefin des Volkskundemuseums, Gesine Kröhnert, über das Thema Depot spricht, dann schüttelt sie häufig den Kopf und kommt schnell zum wunden Punkt: „Wir haben viel zu wenig Mitarbeiter.“ Die 25 Stellen aus dem Jahre 1989 wurden auf heute fünfeinhalb geschrumpft.

Ein Restaurator und die Museumsleiterin kümmern sich neben ihren eigentlichen Aufgaben um die Lüftung, den Lichteinfall, die Luftfeuchtigkeit und den gesamten Zustand der Depots. Die befinden sich vorzugsweise in ausgedienten Kitas, zum Beispiel in der Galileo-Galilei- oder in der Bredelstraße. Museumsstücke werden aber auch in der Röntgenstraße und der Lortzingstraße verwahrt. Und natürlich im Volkskundemuseum in Mueß selbst. „In einer Kita hatten wir schon einen Wasserschaden und Schimmel. Ein Magazin haben wir evakuiert, die Lage ist jetzt stabil, aber kritisch.“ Die Volkskundler schafften es gerade noch, die Neuzugänge zu inventarisieren. „Aber für die wissenschaftliche Aufarbeitung der Bestände haben wir niemanden. Auch ein Ort für die Stadtgeschichte und ein perspektivisch stabiles Sammlungskonzept fehlen“, sagt Gesine Kröhnert. Ihr Wunsch: Ein Zentraldepot für ganz MV, ein Neubau unter optimalen konservatorischen Bedingungen für alle Materialien von Holz bis Seide, von Silber bis Leinen.

Einen der Mueßer Schätze hat sie vor sich auf dem Schreibtisch ausgebreitet: Hutschachteln aus dem 18. Jahrhundert. „Die stammen aus der Wossidlo-Sammlung“, erklärt sie. Die Sammlung des berühmten Mecklenburgers, der zu den Begründern der deutschsprachigen Volkskunde gehört, wurde in den 30er- und in den 50er-Jahren im Schweriner Schloss gezeigt. Die Hutschachteln gehörten zur klassischen Mitgift von Töchtern aus großbäuerlichen Haushalten. In ihnen fanden nicht nur Hüte oder Hauben ihren Platz, sondern auch Bänder, Schleifen, Schmuck und andere Accessoires. „Gefertigt wurden die Hutschachteln fast alle in Süddeutschland, waren also teure Importware und ein echtes Statussymbol“, sagt Gesine Kröhnert. Gern wüsste sie, wie viel so eine Haube genau gekostet hat, ob man sie in Butterstücke, Möbel oder Vieh oder auf die heutige Zeit umrechnen könnte: „Aber auch für so etwas fehlt uns leider die Zeit.“

Da es außerhalb des Schlafzimmers früher so gut wie keine Privatsphäre gab, waren die wertvollen Schachteln zumeist offen im Haus zu sehen. Zum Glück, denn sie sind ein echter Hingucker. Auf dem Deckel sind gerne romantische, oft sogar erotische Szenen abgebildet. Nach mehr als 200 Jahren platzt die Farbe an einigen Stellen ab, die Kleidung, die Gesichter, die Landschaft und die Tiere sind aber genau zu erkennen. Heute sind die Hutschachteln hinter Stahlschränken verschlossen, werden selten herausgeholt. „In einer Ausstellung über Accessoires haben wir einige von ihnen gezeigt“, sagt Gesine Kröhnert. „Aber das ist schon viele Jahre her.“

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