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Zeitung für die Landeshauptstadt

13. Dezember 2017 | 14:13 Uhr

Ärger in Pinnow : Ernte auf Umwegen dank Sperrung

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Tonnage-Begrenzung bei Pinnow sorgt für Verwunderung – Bauern kommen nicht auf ihre Flächen oder müssen weite Wege fahren

von
erstellt am 09.Aug.2017 | 05:00 Uhr

Bestes Erntewetter, die Getreide-Transporter rollen. Auch zwischen Pinnow und Gädebehn, doch das ist scheinbar nicht gewollt. Denn wo Landwirte vor einigen Tagen noch freie Fahrt hatten, um zu ihren Feldern zu kommen, stehen jetzt Verkehrsschilder, die ihnen die Durchfahrt verbieten. Die Gemeinde Pinnow hat eine „Teileinziehung“ durchgesetzt. Das bedeutet, dass Fahrzeuge mit mehr als 7,5 Tonnen – größer und schwerer als Kleintransporter – die Strecke nicht mehr passieren können. „Ich dachte zunächst, dass es ein Versehen der Gemeinde ist. Denn üblicherweise gelten solche Einschränkungen nicht für den landwirtschaftlichen Verkehr und sind so auch ausgewiesen“, sagt Willi Behring. Der Pinnower Landwirt nutzt seit Jahren den Weg zwischen beiden Ortsteilen, weil seine Flächen dort angrenzen. Nun ist er mehr als erstaunt und weiß auch nicht, wie er sich verhalten soll. „Wir fahren jetzt erst einmal weiter, weil wir die Ernte schlecht verschieben können, bis das Problem geklärt ist. Oder sollen wir zu unseren Feldern fliegen?“, fragt Behring.

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Im Amt Crivitz wird die Sachlage jedoch keineswegs als Versehen gewertet. Der Wunsch der Gemeinden nach der Herausnahme der schweren Verkehre bestehe seit Langem. „Der entscheidende öffentliche Beschluss der Gemeinde ist vom 31. Mai 2016 und wurde am 8. Juli 2016 öffentlich bekanntgemacht. Die Unterlagen waren vom 11. Juli bis 5. August 2016 im Amt einsehbar. Einwände gab es keine“, erklärt Amtsvorsteherin Heike Isbarn auf Nachfrage. Den endgültigen Beschluss gab es am 16. März dieses Jahres vom Landkreis Ludwigslust-Parchim. Am 2. August wurden die Schilder aufgestellt. Das sei nötig gewesen, um Verkehrsgefährdungen durch Lastwagen für Radfahrer weitestgehend zu reduzieren, so die Erklärung des Amtes.

Die Strecke würde als Abkürzung durch „diverse Lastwagen und vor allen Dingen Güllefahrzeuge“ genutzt, erklärt Isbarn. Polizeikontrollen hätten gezeigt, dass es häufig zu Tempo-Verstößen, auch durch Lastwagen, gekommen sei. Laut Aussagen von Polizeisprecher Klaus Wiechmann wurden bei der jüngsten Kontrolle im Mai innerhalb einer Stunde 23 Fahrzeuge gemessen – alles Autos. Vier davon waren zu schnell, der Spitzenreiter mit 74 Stundenkilometern.

Bei den Bauern sorgen Behauptungen, sie würden mit ihren Fahrzeugen auch noch rasen, für Kopfschütteln. „Unsere Mitarbeiter wurden angewiesen, gerade in den Ortschaften langsam zu fahren. Es gab noch keine Anzeigen von der Polizei“, erklärt Christian Karp. Er ist einer der Bauern, der die Strecke Pinnow–Muchelwitz nutzt und hat kein Verständnis für die Beschilderung hat. „Das ist pure Schikane. Wir halten die Belastung für die Anwohner so gering wie es geht, aber es ist eine Durchfahrtsstraße“, sagt Karp. Landwirt und zugleich Gemeindevertreter Volker Helms kennt diese Debatte und ist mehr als unzufrieden mit dem Ergebnis. „Ich war nie für eine allgemeine Tonnage-Begrenzung. Man kann die Landwirte nicht aus Orten verbannen oder Durchfahrtsstraßen einfach sperren“, sagt der Goderner.

Landwirt Stefan Wille genannt Niebur ist erbost über die plötzlichen Einschränkungen: „Wir fahren hier maximal zwei Wochen im Jahr mit großer Technik, um unsere Gülle auf die Flächen zu bringen oder die Ernte einzufahren“, erklärt er. Und dass seine Mitarbeiter oder das von ihm beauftragte Lohnunternehmen auf der Strecke rasen, dementiert er vehement. Für ihn und viele seiner Kollegen bedeutet die Sperrung einen großen Umweg über Crivitz. „Mit uns Landwirten kann man jederzeit über Probleme reden. Wir finden gemeinsam Lösungen, aber einfach Schilder aufzustellen und eine allgemeine Sperrung durchzusetzen, ist unfair.“ Das findet auch Berno Tihm vom Diakoniewerk Neues Ufer. Er ist mit zuständig für den Kinderbauernhof Zietlitz, der an der Strecke zwischen Pinnow und Muchelwitz Flächen bewirtschaftet. „In einer landwirtschaftlichen Region den Bauern solche Einschränkungen aufzuerlegen, ist unverständlich. Die Menschen wollen auf dem Lande leben, aber ohne Traktoren. Ein Unding“, sagt er. Die Gemeinde müsse die Strecke für den landwirtschaftlichen Verkehr freimachen, lautet seine Forderung.

Verwunderung gibt es zudem im Landwirtschaftsministerium. Im Jahr 2000 wurde die Straße mit 131  205 Euro aus dem Ländlichen Wegebau gefördert. „Die Zweckbindung gilt zwar nur für zwölf Jahre. Schön ist diese Vorgehensweise aber nicht“, erklärt Referatsleiter Lutz Scherling.

Pinnows Vize-Bürgermeister Klaus-Michael Glaser ist erstaunt: „Wir hatten es eigentlich so besprochen, dass die Landwirte weiterhin die Strecke nutzen können. Wir wollen die Lastwagen nicht mehr im Ort haben, die diese Strecke als Abkürzung von ihrem Navi angezeigt bekommen“, erklärte er gestern und wollte das Problem noch am selben Abend im Hauptausschuss besprechen.

Kommentar von Katja Müller: Freie Fahrt für Trecker
Ländliche Idylle, weite Felder und regionale Produkte aus dem Supermarkt. Das ideale Bild vom Leben auf dem Land. Doch ohne den Bauern geht die Rechnung nicht auf. Einer muss die Felder bestellen, pflegen und ernten. Damit das so effizient wie möglich passiert – der Bürger möchte es sich ja leisten können –, zieht der technische Fortschritt in der Landwirtschaft ein. Das bedeutet unter anderem große Maschinen. Und diese wollen Anwohner laut Beschluss vor ihrer Haustür nicht fahren sehen. Doch da muss der Landbewohner mal ein Auge zudrücken. Wer das eine will, muss das andere mögen – oder wenigstens ertragen. Man sollte den landwirtschaftlichen Verkehr passieren lassen.
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