Banzkow : „Emma“ spinnt für die Künstlerin

Erst besprüht Gudrun Schumann das Spinnen-Netz mit Wasser und macht es danach mit Mehl sichtbar. Bevor sie das Netz mit ihrem Bild einfängt, färbt sie es mit schwarzem Lack. Fotos: Hennes
Erst besprüht Gudrun Schumann das Spinnen-Netz mit Wasser und macht es danach mit Mehl sichtbar. Bevor sie das Netz mit ihrem Bild einfängt, färbt sie es mit schwarzem Lack. Fotos: Hennes

Gudrun Schumann „malt“ mit gekochtem Gemüse Bilder und lässt sich die Werke von ihrer Haus- und Hofspinne verzieren

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20. Mai 2018, 16:00 Uhr

„Emma“ war wieder fleißig. Die Kreuzspinne hat über Nacht ein großes dreieckiges Netz auf dem Wäscheplatz von Gudrun Schumann gesponnen. Morgens 6.30 Uhr entdeckt die 75-Jährige das Werk und ist froh. Denn „Emma“ hat genau so gesponnen wie sich das Gudrun Schumann gewünscht hatte. „Ich habe ihr einen Bierkasten unter den Wäscheklammerkasten geschoben, damit sie dort ihren ersten Faden verklemmen und von dort nach oben spinnen kann“, erzählt Gudrun Schumann. „Und siehe da. Sie hat es verstanden.“

Vier Fäden spinnt eine Spinne. Das weiß Gudrun Schumann aus ihren Fachbüchern. Den Klebefaden, den Lauffaden, den Beutefaden und den Faden für ihre Kokons. Gudrun Schumann hat es auf den Klebefaden abgesehen. Mit dem spinnt die Spinne größtenteils ihr Netz. „An diesem Morgen ist es besonders schön geworden“, sagt die Banzkowerin. Jetzt muss sie nur noch zurück ins Haus, den Wasserzerstäuber und die Mehltüte holen. Das ist der Zeitpunkt, ab dem die Rentnerin normalerweise schweigt. Denn was jetzt auf ihrem Hof in Banzkow passiert, war bisher immer ein streng gehütetes Künstlergeheimnis. Gudrun Schumann kommt nicht nur mit Sprüher und Mehl zurück. Sie bringt auch eines ihrer neuesten Bilder mit. „Es ist noch warm“, sagt sie lachend. Und meint damit die Löwenzahnpflanzen, die sich beim Betrachten erst auf den zweiten Blick als echt herausstellen. Schumann hat sie zuvor stundenlang in ihrer Küche gekocht bis sie so weich waren, dass sie die Pflanzen mit einer Küchenrolle aufs Papier walzen konnte. Nun also liegt das Bild auf der Gartenbank bereit für den letzten entscheidenden Schritt. Gleich wird die Seniorin das Spinnennetz über den Löwenzahn legen. „Das ist nicht ganz ohne“, sagt sie. Eine falsche ruckartige Bewegung und die Arbeit von Spinne Emma wäre kaputt.

Spinnen faszinieren Gudrun Schumann schon seit ihrer Kindheit. „Jede Spinne hinterlässt mit ihrem Netz ihren genetischen Fingerabdruck“, erzählt sie. „Meine Emma zum Beispiel spinnt immer exakt das gleiche Netz. Wenn ich es nicht nutze, dann frisst sie es selbst auf, recycelt es und spinnt es wieder neu.“ Die Kunst mit dem Gemüse und den Spinnennetzen begeistert die Banzkowerin jedes Mal neu. „Ich habe mein Leben lang schwer gearbeitet“, sagt sie. „Als ich Rentnerin wurde, habe ich mir geschworen, nur noch das zu machen, was ich wirklich liebe.“ Die Arbeit in ihrem großen Garten gehört dazu. Die gemeinsamen Treffen in der Banzkower Kreativgruppe auch. „Wir sind eine tolle Gruppe Gleichgesinnter“, sagt sie. Es kommt vor, dass Freunde aus der Gruppe überraschend bei Gudrun Schomann anrufen, weil sie Spinnennetze finden, die gut zu ihrer Kunst passen. Gudrun Schumann packt dann schnell ihr Werkzeug ins Auto und macht sich auf den Weg. „Eigentlich bin ich nur für das Handwerk zuständig“, sagt sie. „Die wahre Künstlerin ist die Spinne.“

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