Eine Zukunft auf dem Milchhof

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05. Juli 2010, 09:09 Uhr

Steinbeck | Gegen 10 Uhr sind die Kühe am Morgen gemolken. 375 hält Familie Bruijnen mittlerweile in Steinbeck, fast durchweg Holstein Schwarzbunte und dazu etwa eine Handvoll Rotbunte. Im 2005 übernommenen Nachbarbetrieb in Dütschow stehen 300 Jungrinder, vom halben Jahr bis zum Abkalben.

Vor zehn Jahren, am 3. Juli 2000, ließen sich Jacobus und Johanna Bruijnen mit ihren drei Kindern am Lewitzrand in Steinbeck nieder. Zuvor hatten sie knapp 20 Jahre einen Hof im niederländischen Kessel bewirtschaftet. "Einen Gemischtbetrieb mit Ackerbau, Milchvieh und Masthähnchen. Wir wollten uns spezialisieren, allein auf Milch kühe. Doch das ist in den Niederlanden ganz schwer, landwirtschaftliche Nutzfläche und Milchquote sind dort unheimlich teuer", erklärt der 52-Jährige den Wechsel nach Deutschland. Sie hätten sich umgeschaut und in MV die besten Bedingungen für ihr Vorhaben gefunden. "Es sind genügend Flächen vorhanden, und das politische Umfeld stimmt. Milchkühe sind hier gewollt, das haben wir gleich gespürt", sagt der Landwirt. 330 Hektar Land hat er, es wird fürs Futter gebraucht. Auf den 256 Hektar Acker wachsen zu fast gleichen Teilen Mais und Gras, der Rest ist Grünland.

Investiert, Mitarbeiter eingestellt und Milchmenge verdreifacht

MV hat im Vergleich zu den Niederlanden nur ein Zehntel der Bevölkerungszahl, aber weit über die Hälfte der Fläche. Hier sind es 72 Einwohner pro Quadratkilometer, dort beinahe 400. In den Niederlanden, eines der am dichtesten besiedelten Länder der Welt, werde flächengebundene Landwirtschaft immer mehr durch hochspezialisierte Produk tion verdrängt, bedauert Jacobus Bruijnen, Landwirt mit Leib und Seele.

Die Jahresleistung der Kühe liege zwischen 8500 und 9000 Litern. Für ihn "das Optimum", sowohl von der Tiergesundheit als auch den Kosten. Diese würden sonst "weglaufen". Die Leistung pro Kuh weiter zu steigern, hält Bruijen für machbar, aber ungesund.

Als das Ehepaar nach Steinbeck kam, begann es mit einem Mitarbeiter, einem Stall für 120 Kühe und zirka einer Million Kilogramm Milch im Jahr. Der Vorbesitzer des Hofes hatte sich seinen Lebenstraum erfüllt und war nach Kanada ausgewandert. Bruijnens haben schrittweise investiert - zuerst den Stall verlängert und damit die Kapazität verdoppelt, eine Mehrzweckhalle für Kälber und Futter, ein Gülle lager sowie Silos für Mais- und Grassilage gebaut. 2008 kamen ein zweiter Stall für 250 Kühe, Futter- und Strohlager sowie weitere Güllelagerkapazitäten hinzu. Heute liefert der Betrieb jährlich 3,1 Millionen Kilogramm Milch ab.

Die Investitionen umfassen mehrere Millionen Euro, durch Fördermittel gestützt. Inzwischen sind vier Mitarbeiter angestellt, ein weiterer Melker wird dringend gesucht. Und seit diesem Jahr ist der Milchhof Lehrbetrieb. Am 1. August beginnt zum ersten Mal ein Auszubildender, er kommt aus Ziegendorf. "Gut ausgebildete Fachkräfte zu bekommen, wird immer schwieriger, denn die haben meist Arbeit, deshalb nehmen wir das in die eigenen Hände", erklärt Jacobus Bruijnen. "Man braucht leistungsfähige Kühe, aber noch viel wichtiger sind gute Mit arbeiter."

Verstärkung kam inzwischen auch aus der Familie, denn die beiden Söhne sind in den Betrieb eingestiegen. Paul (24) hat 2009 sein Studium mit dem Bachelor of Science erfolgreich abgeschlossen, Bart (23) in diesem Jahr. Tochter Ellen (19) ist gerade mit ihrer Ausbildung in einer großen Milchviehanlage in Dedelow bei Prenzlau fertig geworden und nimmt wie zuvor ihre Brüder ein Studium in Neubrandenburg auf. Die Eltern sind stolz, dass alle drei Kinder ihre berufliche Zukunft in der Landwirtschaft sehen.

Bei Tiefststand des Preises an Puffer aus Vorjahren

Obwohl ein sehr schweres Jahr hinter dem Betrieb liegt. "Der Milchpreis war 2009 so niedrig wie in 30 Jahren nicht. Wir haben für die gleiche Menge rund 300 000 Euro weniger bekommen. Das ließ sich nur durch Reserven aus den Vorjahren auffangen. Man muss einen Puffer bilden, um ein schlechtes Jahr zu überstehen", betont Bruijnen. "Außerdem haben wir die Ausgaben reduziert. Der neue Melkstand, den wir in diesem Jahr anschaffen wollten, muss bis 2011 warten. Wie es aussieht, sind wir aus dem Tal heraus", atmet der Steinbecker Milchbauer tief durch.

40 Cent pro Liter, wie in besseren Zeiten gefordert, halte er für Utopie, aber 30 Cent müssten es sein.
Bruijnens haben sich mit ganzem Herzen für die Region entschieden. "Wir wollen hier leben und nicht nur einen Hof betreiben", unterstreicht der 52-Jährige. Die Familie sei freundlich aufgenommen worden und möchte die Kontakte zu den Nachbarn pflegen. Als Baufahrzeuge die Dorfstraße stark verschmutzt hatten, lud sie die Nachbarn später zum Hoffest ein, das seitdem einmal im Jahr stattfindet. Und auch das Betriebsjubiläum wurde am Sonntag wieder gemeinsam gefeiert.

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