Schweriner Schülerin in Chile : Eine Reise ans Ende der Welt

Vor den Felstürmen „Torres del Paine“
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Vor den Felstürmen „Torres del Paine“

Backpacking im chilenischen Patagonien. Marie Eckermann berichtet in unserer Zeitung von ihrem Freiwilligendienst in Chile

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26. April 2017, 07:45 Uhr

Wir drei Mädels – außer mir noch zwei andere deutsche Freiwillige aus dem chilenischen Los Angeles (der Nachbarstadt meiner Wahlheimat Santa Bárbara) wagen es: wir wollen im Nationalpark Torres del Paine in Patagonien mit Rucksäcken und Zelt wandern gehen. Eine Woche ans Ende der Welt – der Traum von dieser weiten Reise ist endlich wahrgeworden. Nach wochenlanger Planung sind die großen Wanderrucksäcke gepackt, die Flug- und Bustickets gekauft.

Wir sind voller Vorfreude auf ein Abenteuer, welches wir so noch nicht erlebt haben. Zudem sind wir Trekkinganfänger gespannt auf die Wetterverhältnisse, denn vor unserer Reise wurden wir vor der kalten und ungemütlichen Jahreszeit gewarnt, die wir uns zum Wandern ausgesucht hätten. Im April beginnt in Chile meteorologisch gesehen der Herbst, und in Südpatagonien herrschen dann oft schon winterliche Verhältnisse.

Los geht es mit einem Fernbus für eine sechsstündige Fahrt von Los Angeles in die Hauptstadt Santiago. Von dort aus fliegen wir nach Punta Arenas, der südlichsten Großstadt der Erde im chilenischen Patagonien. Mit dem Bus geht es weiter in die 20 000-Einwohnerstadt Puerto Natales, von wo aus wir in den Nationalpark starten.

Am ersten Wandertag fahren wir pünktlich zum Sonnenaufgang einige Kilometer mit dem Bus in den Nationalpark, dann weiter mit einem Katamaran über den See Pehoé. Unbeschreiblich schöne Ausblicke auf den Gebirgsstock „Torres del Paine“' bieten sich uns, was auf deutsch so viel wie „Blaue Türme“ bedeutet. Paine ist ein altes indigenes Wort und steht für die blaue Farbe.

Wir starten von einem Campingplatz die erste elf Kilometer lange Wandertour. Zunächst durchqueren wir zum Teil abgestorbene Wälder. 2011 zerstörte ein von einem unachtsamen Touristen ausgelöster Brand große Flächen des Nationalparks. Noch immer ragen schwarzverkohlte Baumstümpfe in den Himmel, während sich am Boden bereits wieder eine vielfältige Fauna ausgebildet hat. Über der Landschaft hängt eine magische Ruhe.

Schnell merken wir, dass das Wandern mit prall gefülltem Rucksack sowie mit Zelt und Schlafsack deutlich mehr Ausdauer und starken Willen erfordert, als wir es uns vorstellen konnten. Wir vertrauen den in der Regel erfahreneren Wanderern, die uns berichten, wie weit es noch bis zum nächsten Campingplatz ist. Mit dem Gepäck auf dem Rücken brauchen wir aber fast doppelt so lange. Zwischendurch lohnen jedoch atemberaubende Panoramen des Gletschers „Grey“, der riesigen Bergmassive und Seen die Anstrengung. Ich fühle mich frei und unglaublich glücklich. Auf einem Felsen mitten in der wilden Natur Patagoniens zu stehen, ist einfach mit nichts vergleichbar!

Abends kommen wir mit den letzten Sonnenstrahlen gerade noch rechtzeitig am nächsten Campingplatz an. Die Strapazen des Tages machen sich als Muskelkater bemerkbar, doch wir bringen noch das Essenkochen hinter uns und fallen dann sofort in einen tiefen Schlaf.

Am nächsten Tag machen wir morgens einen kleinen Abstecher zum Gletscher „Grey“. Der Name ist hierbei etwas irreführend, Gletschereis reflektiert nämlich kurzwellige und blaue Strahlen, so dass die Farbe hellblau erscheint. Danach wandern wir denselben Weg des Vortags wieder zurück zum Ausgangspunkt, wo wir die zweite Nacht im Park verbringen werden. Sturm und Regen machen uns zu schaffen. Dennoch bewältigen wir den Weg schneller als am Vortag und kommen am frühen Abend im Camp an.

Am dritten Tag nehmen wir den Katamaran und schließlich einen Bus, der uns weite Strecken bis zum nächsten Camp nahe dem Wahrzeichen des Parks bringt, den Felstürmen „Torres del Paine“'. Wir tanken Kraft für den folgenden Tag, an dem wir eine sehr anstrengende Tagestour hoch zu den Türmen geplant haben. Das Angebot von chilenischen Zeltnachbarn, den Abend mit ihnen zu verbringen, können wir nicht ausschlagen.

Es ist sechs Uhr morgens, der letzte Wandertag liegt vor uns. Ich schäle mich langsam aus dem Schlafsack, der mich bei nächtlichen Temperaturen bis zu 0 Grad zum Glück warm hielt. Ich streife mir Schicht um Schicht der Wanderkleidung über, um mich für alle Wetterkapriolen zu wappnen. Mit vor Kälte klappernden Zähnen kriechen wir aus dem mit einer hauchdünnen Schicht Neuschnee bedeckten Zelt und machen uns auf den Weg zur Kochstelle des Campingplatzes. Frühstück ist angesagt.

Angespornt bringen wir ein letztes Mal einen sehr kräftezehrenden Aufstieg mit einem Höhenunterschied von rund 800 Meter hinter uns. Als Belohnung erhalten wir Ausblicke auf breite Täler und schneebedeckte Bergmassive. Der Wanderweg schlängelt sich durch herbstlich verfärbte Wälder der Lengabäume, über rauschende Bäche bis zu einem monotonen Gesteinsfeld. Als die Felstürme nach der letzten Wegkurve endlich vor uns auftauchen, kann keiner von uns seine Freudentränen zurückhalten. Ein emotionaler Moment, denn nun haben wir unsere letzte Wanderstation erreicht. Wir sind stolz auf die in den vergangenen Tagen zurückgelegte Wegstrecke.

Am nächsten Tag geht es mit dem Bus zurück nach Puerto Natales. Von dort aus fahren wir weiter nach El Calafate in Argentinien zum Gletscher „Perito Moreno“. Dort stehen wir mit einigen hundert Metern Abstand vor den beeindruckenden Eismassen. Einige Male hören wir Geräusche wie von Kanonendonner. Dies ist auf das sogenannte Kalben des Gletschers zurückzuführen, denn jedes Mal, wenn ein Eisbrocken vom Gletscher abbricht, rutscht er mit lautem Getöse ins Wasser.

Auch der „Perito Moreno“ bleibt nicht vom Klimawandel verschont. Auf Grafiken konnten wird den Rückgang der Eismassen seit dem letzten Jahrhundert nachvollziehen. Dies macht mich sehr traurig, denn man merkt vielleicht erst so richtig, wie sensibel unsere Erde eigentlich ist, wenn man einmal selbst vor einem jahrtausendealten Gletscher gestanden hat und Zeuge des langsamen Abschmelzens wird.

Nach etwa 30 Stunden Rückreise nach Santa Bárbara per Flugzeug und Überlandbus ist unsere spannende Reise zwar beendet, doch die Erinnerungen an die Erlebnisse dort werden mir mein Leben lang in Erinnerung bleiben.

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