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Manfred Rehmer geht : Eine Institution für Behinderte

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Dickhäutig kämpft Manfred Rehmer seit 20 Jahren für weniger Barrieren in Köpfen und Stadtbild – jetzt sucht er einen Nachfolger

Alle hören auf seinen Rat. Er befreite Schwerin von vielen Barrieren – im Kopf und im Stadtbild. Doch jetzt will Manfred Rehmer damit aufhören. Mehr als 20 Jahre lang hat der heute 75-Jährige dem Behindertenverband und dem Behindertenbeirat der Stadt Schwerin vorgesessen, im Bauausschuss zu allem „seinen Senf“ dazu gegeben, dickhäutig wie ein Elefant. „Es reichte schon, wenn ich dabei bin.“ Aktuell setzt er sich für einen befestigten Weg entlang der Waisengärten ein, auf dem Rollstuhlfahrer genauso voran kommen wie Mütter mit Kinderwagen und Gehbehinderte mit Rollator. Kurz gesagt: Manfred Rehmer gilt in Schwerin als Institution für Behinderte. Geld bekommt er dafür keins. Das ist aber nicht der Grund, warum er das Zepter aus der Hand legt. „Ich hab das lange genug gemacht“, sagt er. Außerdem ist er vor Kurzem nach Pinnow gezogen und verliert so sein Recht, in Schweriner Beiräten aktiv zu sein.

Den Stadtoberhäuptern wird er fehlen. „Unter seinem Vorsitz hat sich der Behindertenbeirat der Landeshauptstadt zu einem wichtigen Partner der Kommunalpolitik entwickelt, der kompetent die Interessen von rund 16 000 Betroffenen und Schwerinern vertritt“, sagt Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow. Baudezernent Dr. Wolfram Friedersdorff hält ebenfalls große Stücke auf den Neu-Pinnower. Die Bauamts-Mitarbeiter kommen mit Fragen zu Manfred Rehmer. Ehrenamtlich berät er Ärzte, Bauherren, Unternehmer und die Stadt dabei, wie behindertengerechte Bauweise funktioniert. „Die kommen alle schon ganz automatisch zu mir“, sagt der Rentner.

Manfred Rehmer ist nicht von Behinderung betroffen, aber seine Tochter. Sie arbeitet in den Helios-Kliniken und hatte Jahre lang darum gerungen, zur Arbeit zu kommen. „Sie möchte selbstständig sein“, sagt ihr Vater heute. Inzwischen hat sie einen Führerschein gemacht und fährt selbst zur Arbeit. „Aber natürlich braucht sie Hilfe und bekommt jeden Tag ihre Behinderung zu spüren – durch die Barrieren.“ So kam es, das Manfred Rehmer schon zu DDR-Zeiten für bessere Bedingungen für Behinderte kämpfte, als Genosse schon „richtig vom Leder zog“, wie er sagt. Damals habe es kein Geld für seine Anliegen gegeben, aber dann kam die Wende und alles wurde leichter.

„Auf einmal gab es mehr als gar nichts“, erzählt der Beiratschef. „Aber man musste beim Geldverteilen seine Ellbogen einsetzen.“ Am 23. September 1993 wurde er Vorsitzender des Behindertenbeirates. „Damals hatte ich noch zwei Frauen vom Arbeitsamt bekommen. Heute reicht es kaum für eine Bürokraft. Gleichstellungsbeauftragte Petra Willert darf unsere Interessen nur privat vertreten.“ So bleiben die Behinderten in Schwerin abhängig vom ehrenamtlichen Engagement einiger weniger.

Aber die Situation sei besser geworden. Zu DDR-Zeiten gar nicht wahr genommen, schenkten die Stadtvertreter Manfred Rehmer im Jahr 2000 ihr Gehör. Der Behindertenbeirat hatte als politische Interessenvertretung Rederecht erhalten. „Das nutzen wir natürlich“, sagt der 75-Jährige. Fast 15 Stunden pro Woche setzt sich Manfred Rehmer für die Behinderten ein, studiert Fachliteratur, telefoniert, hilft, wo es geht. Als Bauingenieur habe er natürlich den fachlichen Hintergrund. So muss sein Nachfolger, der nach Informationen unserer Zeitung schon in den Startlöchern steht, eine große Lücke füllen. „Wenn derjenige das wirklich durchzieht, dann traue ich ihm das zu und werde ihm jede Hilfe zuteil werden lassen“, sagt Manfred Rehmer.

Mit der Kommunalwahl am 25. Mai bricht für den Behindertenbeirat eine neue Ära an. Die von Manfred Rehmer endet voraussichtlich im August nach zwei Jahrzehnten im Ehrenamt für Schwerin.

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erstellt am 24.Apr.2014 | 16:00 Uhr

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