Zwei Schicksale, die verbinden : Eine besondere Versöhnungstour

Ganz neue Sichtweisen: Niklas Grunow, Bassam Aramin, Anna Techel, Rami Elhanan und Tamina Hill (v.l.) im Gespräch über den Frieden.
Ganz neue Sichtweisen: Niklas Grunow, Bassam Aramin, Anna Techel, Rami Elhanan und Tamina Hill (v.l.) im Gespräch über den Frieden.

Ein Palästinenser und ein Israeli reden in der Ecolea über ihre schmerzlichen Erfahrungen und den Weg zu einem friedlichen Miteinander

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15. April 2015, 22:13 Uhr

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern hält seit Jahrzehnten den Nahen Osten in Atem. Doch es geht auch friedlich. Von ihren eigenen Erfahrungen haben gestern der Israeli Rami Elhanan und der Palästinenser Bassam Aramin in der Ecolea berichtet. Unterschiedlicher könnten Freunde nicht sein. Doch sie teilen ein Schicksal. Beide verloren ein Kind. Elhanan verlor seine Tochter bei einem Selbstmordanschlag am 1. September 1997. Sie starb mit 14 Jahren. Bassam Aramins Tochter wurde am 16. Februar 2007 von einem Soldat der israelischen Grenzpolizei getötet. Sie war damals zehn Jahre alt. Von einem Tag auf den anderen waren die Kinder nicht mehr da. Die Täter: Palästinenser und Israelis.

Rami Elhanan und Bassam Aramin bezeichnen sich selbst als Brüder. „Wir verstehen uns ohne Worte. Er ist mein Licht im Dunklen“, erklärt Rami Elhanan. Denn die Erinnerungen an die Tat vor 18 Jahren lassen ihn auch heute nicht los. Tief traurig erzählt der Grafik-Designer, wie er unterwegs zum Flughafen war, als seine Frau anrief und ihm sagte, dass es im Zentrum Jerusalems einen Selbstmordanschlag gegeben hat. „Niemand konnte unsere Tochter finden. Wir fingen an, sie zu suchen, aber sie war wie ausgelöscht. Du bist kopflos, läufst durch die Straßen, versuchst sie zu finden. Ein Krankenhaus nach dem anderen, von Polizeistation zu Polizeistation. Spät am Abend waren wir am Anschlagsort. Wir hatten keine Tränen mehr. Ein Bild, das ich für den Rest meines Lebens nicht vergessen werde.“ Im großen Saal der Ecolea ist es mucksmäuschenstill. Die Schüler der zehnten und elften Klassen lauschen gespannt den Worten. Und trotz des Leids und der großen Trauer schwingt bei all dem keine Spur des Hasses mit – ganz im Gegenteil. „Es hat eine Weile gedauert. Doch kein Tropfen Blut, kein Toter würde meine Tochter wiederbringen“, sagt Rami Elhanan. Eines Tages sei er aufgewacht und stand vor der Entscheidung: weiterleben oder daran zerbrechen. Er entschied sich für das Leben. Statt sich in Trauer und Hass zu vergraben, engagiert er sich mit anderen Israelis und Palästinensern in der Initiative Parents Circle für mehr Toleranz und ein friedliches Miteinander. „Der ständige Dialog ist der einzige Weg zu einem dauerhaften Frieden“, versichert Elhanan.

Und auch Bassam Aramin hat sich der Initiative angeschlossen. Den Schülern der Ecolea machte er gestern noch einmal bewusst, wie gut sie es seiner Ansicht nach haben: „Ihr könnt so glücklich sein, in diesem Land zu leben. Ohne Krieg. Ohne Unterdrückung. Ihr habt eine Kindheit, habt ein friedliches Zusammenleben“, betonte er in seiner Rede. Selbst konnte er das nie genießen, trägt dennoch den Frieden im Herzen und nun um die ganze Welt. Denn viele Länder hat er zusammen mit Rami Elhanan schon bereist. „Nicht immer ist man unserem Anliegen so aufgeschlossen gegenüber und so interessiert“, ergänzt er. Die Initiative Parents Circle möchte aufklären, für Verständnis sorgen und so zum Frieden beitragen. „Wir sind alle Menschen, haben alle das gleiche Blut, weinen die gleichen Tränen und empfinden alle den gleichen Schmerz. Wir müssen uns nicht bekämpfen“, sagt Rami Elhanan. Seine Botschaft kam an. „Es war großartig. Man liest so viel im Internet, kann oft nicht verstehen, wie sich Völker nur so hassen können. Dass es anders gehen kann, obwohl man viel Leid erfahren hat, hat dieser Vortrag gezeigt“, sagt Schüler Tarik Belaid. Auch Jonathan Düsterhöft war mitgerissen: „Sie haben uns ihre Welt noch klarer machen können. Ihr Engagement ist großartig.“

Für die Klassenstufe 10 ist mit dem Vortrag das Thema nicht beendet. „Wir werden uns weiter im Sozialkundeunterricht damit beschäftigen“, sagt Lehrer Stephan Noack, der die Schüler auf das Thema vorbereitet hat. Und auch die anderen Jugendlichen wird dieser Vortrag wohl so schnell nicht loslassen.

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