Aktion Stadtbild : Eine Bäckerstochter erinnert sich

Abgehängt: Die herrlichen  Wandpaneele hat die Denkmalpflege schon vor Jahren eingelagert.  Fotos: svz
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Abgehängt: Die herrlichen Wandpaneele hat die Denkmalpflege schon vor Jahren eingelagert. Fotos: svz

Erzählungen von Annemarie Paschen füllen das alte Fachwerk in der Puschkinstraße 20 mit Leben und faszinieren den neuen Eigentümer

svz.de von
02. Dezember 2013, 17:30 Uhr

Im Krieg neigte sich das Kinderzimmer über der Tordurchfahrt noch in eine andere Richtung. „Das Spielzeug kullerte immer in eine Ecke“, sagt Annemarie Paschen. Die Schwerinerin, eine geborene Krebs, wuchs über der gleichnamigen Bäckerei in der Puschkinstraße auf, lebte dort von 1936 bis 1957 und zahlte am Ende 174 Mark Miete. „Die Tapete habe ich mal angebracht“, sagt ihr Mann Cäsar Paschen und hält einen vergilbten Papierfetzen in die Höhe. Wenn das Ehepaar durch das Haus geht, das zu den ältesten in der Schelfstadt gehört, ist jeder Schritt voller Erinnerungen, die auch die teils fehlenden Wände und abgesackten Balken nicht trüben können. Der neue Besitzer Dr. Tilo Schöfbeck folgt den Erzählungen des lebhaften Ehepaares. Als Bauforscher hat er zwar jeden Balken in dem alten Fachwerkbau unter die Lupe genommen, aber die Paschens füllen seine Untersuchungen mit Leben. „Guck mal, da steht dein alter Ofen auf dem Hof“, sagt Cäsar Paschen zu seiner Frau. „Ja, und hier haben wir früher die Windeln zum Trocknen aufgehängt“, fügt sie hinzu. „Ich erinnere mich noch an die Pferde, die hier im Stall standen und jeden Morgen geholt wurden.“

Inzwischen steht das Fachwerkhaus leer, hinter dem sich einst die Galvanische Anstalt befand. 1991 schloss die Bäckerei im Erdgeschoss. „Die Wohnungen darüber standen schon länger leer“, erzählt Annemarie Paschen. Unterdessen saugten die Lehmwände das Regenwasser auf und brachten die Statik des Gebäudes an ihre Grenzen. „Jedes steinerne Gebäude wäre längst zusammengefallen, aber das Fachwerk hat sich angepasst, gab teils mehr als 20 Zentimeter nach“, sagt Dr. Tilo Schöfbeck. Mehr als 700 000 Euro wird ihn die komplette Sanierung kosten, die er gemeinsam mit dem Büro „Schelfbauhütte“ angeht. Im November 2014 sollen die ersten Mieter in eine der fünf Wohnungen ziehen. Bis dahin ist es noch lange hin, und das Fachwerk ist geduldig.

An der windschiefen Fassade sind mehr als 300 Jahre Schweriner Geschichte vorübergegangen. Vermutlich im Jahr 1697 erbaut, gehört das denkmalgeschützte Gebäude zu den ältesten Gemäuern der Schelfstadt. Der heute erhaltene giebelständige Fachwerkbau ist der Nachfolgebau eines nach dem Stadtbrand im Jahr 1693 vollständig zerstörten Wohnhauses, das an gleicher Stelle gestanden hatte. Die Lehmwände standen bereits, als die Schelfe im Jahr 1705 die Stadtrechte verliehen bekam.

Mehrere, teils umfassende Umbauten veränderten das Fachwerkhaus in den nachfolgenden Jahren stark. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts erhielt das Querhaus vermutlich die Tordurchfahrt. Im Erdgeschoss hatte sich eine großzügige Diele befunden, typisch für ein Handwerkerhaus. Eine zweite große Umbauphase schloss sich knapp hundert Jahre später an. Von 1824 an verkleidete eine neue Schaufassade das Haus – für Historiker ein Zeugnis, das die Arbeits- und Lebensweise der Schweriner im 19. Jahrhundert dokumentiert. Vor allem der Innenausbau mit Türen, Dielen und Paneelen spiegelt die Einrichtung und so das alltägliche Leben wider. Während die Familie Havemann in der damaligen Königsstraße eine Brauerei-, Brennerei- und Likörfabrik betrieb, wurde das Erdgeschoss in den Jahren 1885/86 umfangreich ausgebaut. Dort befanden sich ein großzügiger Verkaufsraum und ein Kontorzimmer, das mit edlen Paneelen und Malereien ausgestattet wurde. „Diese sind heute fast einzigartig für Schwerin“, sagt Denkmalpflegerin Steffi Rogin vom Amt für Stadtentwicklung. Solche seien in der Landeshauptstadt fast vollständig verloren. Die kostbare Wandverkleidung bewahre die Stadt zurzeit in einem Lager auf.

In den folgenden Jahren fanden eine Bäckerei und während der DDR-Zeit der Volkseigene Betrieb Galvanik in der heutigen Puschkinstraße 20 ein Domizil – bis zur Wende. Seine giftigen Spuren finden sich bis heute im Erdreich hinter der ehemaligen Bäckerei – das inzwischen aufwändig gereinigt wurde. Der Reinigungsprozess wird voraussichtlich erst in Jahren abgeschlossen sein. Die alten Gebäude und das Leitungssystem sind mittlerweile „sonder-entsorgt“.

„Ich habe keinerlei Bedenken“, sagt Dr. Thilo Schöfbeck. Die Zusammenarbeit mit der Stadt sei gut. Einige Elemente aus dem Innenbereich hatte die Stadt schon vor Jahren gesichert. Heute sehen die Auflagen der Denkmalpflege vor, dass die alten Paneele im Erdgeschoss wieder an die Wand kommen. „Vieles wurde gestohlen“, erzählt Annemarie Paschen. „Wir hatten früher so schöne Türklinken in Löwenform. Alles weg.“ Aber nicht ganz alles: „Den Backofen hatte mein Vater angeschafft und die Fliesen hier hatte er verlegt“, erzählt die Schwerinerin, die heute in Zippendorf zu Hause ist, weiter. Und als es noch keinen Strom gab, „hatten wir hier eine Gaslampe“, sagt sie und zeigt in eine Flurecke. „Ja, die Leitung haben wir noch gefunden“, antwortet ihr der Bauforscher. So wie das Ehepaar Paschen das alte Haus ins Herz geschlossen hat, erging es ihm vor drei Jahren. Seitdem versucht er, die Finanzierung rund zu bekommen. „Jetzt hat es geklappt.“ Wenn alles gut geht, wird er selbst im Alter von Annemarie Paschen durch das Fachwerk wandeln – voller Erinnerungen. Denn eigentlich will er hier selbst gern einziehen.

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