Ausgezapft : Ein Weihnachtsbaum am Haken

Jetzt wird es eng: Der abgeschnittene Baum wird auf einen Sattelschlepper verfrachtet. 3,1 Tonnen schwer ist die Fichte, die dann von Holthusen nach Schwerin gebracht wird.
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Jetzt wird es eng: Der abgeschnittene Baum wird auf einen Sattelschlepper verfrachtet. 3,1 Tonnen schwer ist die Fichte, die dann von Holthusen nach Schwerin gebracht wird.

Familie Nickel aus Holthusen überlässt dem Landtag ihre Fichte, damit der Baum vor dem Schloss für festliche Stimmung sorgen kann

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26. November 2015, 10:00 Uhr

Holthusen Der Baum in Familie Nickels Vorgarten ist von stattlicher Länge. Das liegt in der Natur der Sache,  hatte er doch viele Jahrzehnte lang Zeit, rund 20 Meter kerzengerade in die Höhe zu schießen. Als Margitta Nickel ein Kind war, da hat ihre Mutter einen Setzling aus dem Kurzurlaub in Thüringen  mitgebracht und  ihn in vor dem Haus in Holthusen in die Erde gesteckt.  Er wuchs und wuchs, hielt jedem Sturm stand, ließ die Vögel auf seinen Ästen hocken und warf konsequent seine Zapfen ab, wenn die kalte Jahreszeit es so wollte.     Jetzt ist ausgezapft. Jetzt wird er abgesägt. Dass  ist nicht  selten.    Aber nicht jeder Baum landet in der Vorweihnachtszeit am Schweriner Schloss. Nickels Baum schon.

Der Kran ist da. Der Sattelschlepper ist da. Und Falko Weise-Schmidt auch. Seine Erfahrung wird  gebraucht  an diesem trüben Novembermorgen. Er hat keine Höhenangst und er hat eine Firma, die alpintechnische Dienstleistungen anbietet. Dom-Dächer reparieren, Steigleiterelemente an Kraftwerk-Kühltürme montieren, Hochhaus-Fassaden reinigen – das ist sein Job. Oder sich an einem Kran in die Luft ziehen zu lassen,  um dicke Seile um einen riesigen Baum zu binden, damit er nachher an einem Haken hängen und in der Luft baumeln kann.  Letzteres  hat Spezialist Weise-Schmidt gerade gemacht.  Sein Kollege greift zur Motorsäge. „Jetzt kommt er ab“,  weiß Rentner Peter Nickel und zückt einen kleinen Fotoapparat. Frau Margitta ist wehmütig. „Ein bisschen traurig, dass er wegkommt, bin ich schon“, sagt die 67-Jährige.

Dass der  Baum seinen Standort wechseln wird, dass wurde schon im Spätsommer eingestielt. Ein Mitarbeiters des Landtags hatte den Baum in Holthusen gesehen, konnte sich diesen gut als Weihnachtsbaum vor dem Schloss vorstellen und fragte Familie Nickel, ob die Fichte zu haben sei. „Na ja, bevor sie uns aus Altersgründen aufs Dach fällt, könnte man sie auch kostenfrei abgeben“, entschieden die Nickels, die sogar einen kleinen Obolus für  ihren Baum bekommen.

 Die Arbeit geht voran. Mittlerweile hängt der Baum  in der Luft. Der Stamm wird gekürzt und so zugeschnitten, dass er später am Nachmittag noch vor dem Schloss aufgestellt werden kann. Doch erst muss er dort hinkommen. Äste knirschen und bersten. Das passiert, wenn ein 3,1 Tonnen schwerer Baum   auf einen Sattelschlepper gehievt wird. Nach zweieinhalb Stunden ist der Baum weg und abtransportiert. Ein Stumpf ist den Nickels geblieben. „Da stelle ich eine Schale drauf“, sagt   der Hausherr. Bäume, die haben sie noch genug, fügt er hinzu und zeigt auf ein paar  Nadel- und Obstbäume auf der Rückseite seines Hauses.

In ein paar Tagen wollen die Nickels zum Schloss fahren und  sich den Baum ansehen.  Ihren Baum. Mit Lichtern behangen.  Schön anzuschauen. Bis kurz nach dem Dreikönigstag, denn dann hat die Fichte ihre Schuldigkeit getan – und wird  entsorgt.

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