Camping : Ein Leben zwischen See und Sonnenallee

Beim Skat: Wolfgang Plust, Hanne Zelder, Reinhold und Evelyn Kahlow sowie Bodo Fricke (v.l).
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Beim Skat: Wolfgang Plust, Hanne Zelder, Reinhold und Evelyn Kahlow sowie Bodo Fricke (v.l).

Seit Jahrzehnten ist der Natur-Campingplatz Retgendorf für viele ein zweites Zuhause

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10. August 2015, 11:45 Uhr

Die Zeiten, in denen sie ihr Zelt und die sperrigen Sachen per Post geschickt haben, sind lange vorbei. Das war vor 43 Jahren. Heute sitzen Reinhold und Evelyn Kahlow gemütlich unterm Pavillon vor ihrem eigenen Campingwagen in Retgendorf. Eine dichte, grüne Hecke und ein mächtiger Hortensienbusch zieren das kleine Grundstück der Berliner. Das Ufer des Schweriner Sees ist für die Dauercamper nur wenige Schritte entfernt. „Wir haben hier die Karibik vor der Tür“, sagt Reinhold Kahlow. Mit seiner Frau Evelyn hat er in den vergangenen Jahrzehnten jeden Sommer in Retgendorf verbracht. Auch die Kinder sind am Schweriner See groß geworden. „Dit is schon schön hier. Und jetzt mit dem Wagen sowieso“, schwärmt er mit typischem Berliner Akzent von seinem zweiten Zuhause.

Immerhin verbringen die Berliner die Zeit von Mai bis September seit 18 Jahren auf dem Natur-Campingplatz. Davor waren es nur die Urlaubswochen. „Wir brauchen kein all-inklusive, keine große Anlagen mit Pool. Ich will auch nicht lange im Auto sitzen oder auf einem Kreuzfahrtschiff“, sagt der 78-Jährige. 235 Kilometer liegen zwischen dem Sommerdomizil und ihrer Berliner Wohnung. Nur ungern fährt er in die Hauptstadt: „Da bin ich eingemauert – hier bin ich frei.“

Kahlow schätzt die vertraute Atmosphäre und vor allem die gemütlichen und stets amüsanten Runden mit seinen Sommer-Nachbarn. Gern sitzen sie im Schatten der Pappeln am Seeufer, spielen Karten und schmieden Pläne für Feste. Denn gemeinsam feiern, das machen die Camper gerne. „Wir haben viele Jahre ein Neptunfest gemacht, sechsmal Miss Retgendorf gewählt, Retgendorfs Next Topmodel ausgelobt und Sommerfeste im Künstlerviertel gefeiert“, erzählt Klaus Wünsch. Auch er verbringt seit vielen Jahrzehnten den Sommer auf dem Retgendorfer Campingplatz. „Es ist hier unser Klein-Teneriffa. Mehr braucht der Mensch nicht“, sagt er und bekommt kopfnickende Zustimmung seiner Platzfreunde.

Den Namen „Künstlerviertel“ haben sich die Dauercamper selbst gegeben. „Hier haben viele Künstler wie beispielsweise Hartmut Schreier, Lore Tappe und Jutta Breu ihre Sommer verbracht“, erzählt Wolfgang Plust. Seit 35 Jahren kommt der Schweriner zum Urlauben auf den Campingplatz nach Retgendorf. Er kümmert sich um die Straßennamen im Künstlerviertel – malt regelmäßig die Namen auf den Schildern nach: „Wir haben die Dödelgasse, die Sonnenallee und Am Wiesengrund.“

Kahlows finden es nicht so witzig, dass ihre Zuwegung zum See Dödelgasse heißt. Aber auch von diesen Neckereien lebt die Gemeinschaft. „Wir sind Nachbarn, Freunde und wie eine Familie. Das macht diesen Urlaubsort so besonders“, sagt Bodo Fricke. Der Schweriner ist seit 25 Jahren an den Wochenenden und in den Urlaubswochen im Sommer auf dem Platz. Die Vorurteile gegen Camper kann er nicht teilen. „Wir sind keine Säufer, wir laufen auch nicht nur im Schlüpfer rum und es wird auch nicht jeden Tag gegrillt“, betont er. Ganz im Gegenteil: Bei den Retgendorfer Dauercampern wird immer frisch gekocht und jeden Samstag kommt sogar der Fischer mit dem Boot und bringt frischen Fisch. „So gut hat man es woanders nicht“, sagt Klaus Wünschs Lebensgefährtin Hanne Zelder.

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