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Zeitung für die Landeshauptstadt

24. November 2017 | 14:17 Uhr

Schwerin : Ein halbes Leben für Frauenarbeit

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Schwerins Gleichstellungsbeauftragte Petra Willert räumt ihr Arbeitszimmer im Stadthaus und genießt die Altersteilzeit

von
erstellt am 29.Dez.2014 | 16:00 Uhr

Wer in Schwerin über das Thema Frauen in der Gesellschaft spricht, der landet bei Petra Willert. Seit der Wende ist sie Schwerins Gleichstellungsbeauftragte, kämpfte für Gleichberechtigung im Job und in der Sprache, für eine Frauenpension, gegen häusliche Gewalt und sorgte dafür, dass diese nicht immer angenehmen Themen nie von der Tagesordnung verschwanden. Am 30. Dezember hat Petra Willert ihren letzten Arbeitstag. Im Januar beginnt ihre Altersteilzeitphase zu Hause. Anfangs werde sie bestimmt ein schlechtes Gewissen haben, dass sie nicht zur Arbeit geht, sagt sie lächelnd. Denn gearbeitet hat sie ihr Leben lang – in vielen Berufen.

Petra Willert weiß aus eigenem Erleben, wie unterschiedlich Frauenkarrieren in Deutschland aussehen können. Denn das Leben der selbstständigen, emanzipierten Verwaltungsfrau, die in ganz Deutschland unterwegs ist und Kontakte pflegt, begann als Mutter und Offiziers-Gattin. Zurückhaltend und angepasst an die Wünsche des Mannes. „In diesem Jahr feiere ich meine silberne Scheidung“, sagt die 60-Jährige lächelnd. Am 6. Dezember 1954 wurde Petra Willert in Berlin geboren. Hier ging sie zur Schule, machte eine Ausbildung als Wirtschaftskaufmann, arbeitete aber nur zwei Monate in dem Beruf. Sie wurde schwanger, heiratete und zog mit ihrem Mann nach Schwerin. Das war 1976. „Ich habe es gern gemacht, mich als Teil der Familie und des Ganzen gefühlt, damals aber leider nicht an meine Rente gedacht“, sagt sie heute, wenn sie über ihre verschiedenen Arbeitsstellen spricht: als Kindergartenhelferin, als Sachbearbeiterin bei NVA und WGK.

„Ich habe immer viel gearbeitet und wenig Geld verdient“, sagt sie. Schließlich drehte sich in Sachen Karriere alles um ihren Mann. Doch die Ehe hielt nicht. Nach 14 Jahren trennte sich das Paar, Petra Willert stand mit zwei Töchtern alleine da – mitten in den Wendewirren. Sie schloss sich der Unabhängigen Frauenbewegung in Schwerin an, übernahm das Thema Gleichstellung, lernte unter anderem in Schleswig-Holstein, wie diese Arbeit in einer Stadt aussehen kann – mit Frauenhaus, -kneipe, Frauen-, Integrations- und Migrantenprojekten.

Als die Stadtverwaltung 1990 entschied, die Stelle einer Gleichstellungsbeauftragten einzurichten, fiel die Wahl auf Petra Willert. „Damals habe ich meine Töchter gefragt, ob sie es aushalten, dass Mama nicht so oft zu Hause ist, wir aber genug Geld haben. Oder ob sie sich eine Mutter mit viel Zeit, aber ohne Einkommen wünschen“, sagt Petra Willert. Ihre Töchter wählten die arbeitende Mutter. „Ich bin ihnen sehr dankbar, dass damals alles so gut geklappt hat“, sagt die 60-Jährige. „Heute leben beide Mädchen in Berlin, sie begleiten mich regelmäßig zu meinen Marathon-Läufen.“

Vor mehr als zehn Jahren hat Petra Willert diesen Sport für sich entdeckt, war schon in New York und London am Start. Wenn sie trainiert – in der Saison mehr als 40 Kilometer pro Woche – hat sie meist ein Hörbuch dabei. Das entspannt.

Für Schwerin hat Petra Willert in 24 Jahren so viel erreicht, dass man nur die Höhepunkte aufzählen kann: Das Bundesmodellprojekt „Hilfe für wohnungslose Frauen“ hat sie nach Schwerin geholt, die Anträge damals noch in ihrem Büro in der Anne-Frank-Straße getippt – gleich neben Obdachlosenunterkunft und Frauenhaus in einem Objekt. „Ein furchtbares Konstrukt“, erinnert sie sich. Frauenpension und -infoladen in der Max-Planck-Straße sind daraufhin entstanden, heute heißt die Pension „Ella“, liegt mitten in der Stadt und befindet sich in Trägerschaft der Arbeiterwohlfahrt. Petra Willert schuf Strukturen für ein Frauenhaus, half, als der erste Träger Mitte der 90er-Jahre sein Mandat niederlegte und die Stadt die Mittel einstellte. Damals hatte sie das Konzept Notwohnungen in der Schublade liegen, das sie mit Hilfe der WGS umsetzen konnte.

Aber auch durchweg fröhliche Veranstaltungen wie die Frauenpowerbahn am 8. März gehen auf ihr Konto. Lesungen, Aktionswochen, Medienarbeit, Hilfetelefon und vor allem Netzwerkarbeit mit Vereinen, Medien, Verwaltungen bestimmten die vergangenen, ruhigeren Jahre. Über das Frauenhaus hat die Gleichstellungsbeauftragte heute die Fachaufsicht. Seitdem der Chef der Schweriner Verwaltung eine Frau ist, ist die Arbeit für Petra Willert einfacher: „Frau Gramkow hat mich zu den Dezernentenrunden geladen, seitdem kann ich den Zuständigen noch viel direkter sagen, was Gleichstellung bedeutet. Ein dickes Bienchen für die Oberbürgermeisterin.“

Ihrer Nachfolgerin hinterlässt Petra Willert ein gut bearbeitetes Feld, aus dem sie sich so gut wie möglich heraushalten will: Die neue Frau im Amt soll ihren eigenen Weg finden dürfen. Rat gibt die Vorgängerin natürlich gern – bei Anfrage Denn es bleibe viel zu tun: Noch immer gäbe es zu wenig Frauen in Aufsichtsräten, in Chefetagen und in der Politik, noch immer sind da die ungerechten Gehaltsunterschiede, noch immer fällt die weibliche Form in der Sprache gern unter den Tisch, noch immer werden Frauen geschlagen oder misshandelt, fasst Petra Willert zusammen.

Sie selbst bleibt ehrenamtlich – beim Technischen Hilfswerk, als Vorsitzende des Verwaltungsrates Verbraucherzentrale, im Medienausschuss MV und bei der Stiftung Frauen und Familien in Not. Bis zum 30. Dezember wird aber das Zimmer 5032 im Stadthaus leer geräumt und mit alten Freundinnen, Mitstreiterinnen und sicher auch vielen Männern Abschied gefeiert.


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