Nach Bombenfund in Schwerin : Ein guter Tag für stille Helden

<strong>Von Adrenalin keine Spur? Sprengmeister Burkhard Pohl</strong> ist nach eigener Aussage weder aufgeregt gewesen noch ist er ein Risiko eingegangen bei der Entschärfung des Blindgängers am Sonnabend in der Feldstadt. Eine gewisse  Erleichterung ist dem Bomben-Profi trotzdem anzusehen, als er den Zünder präsentiert.<fotos>Hoefer</fotos>
1 von 4
Von Adrenalin keine Spur? Sprengmeister Burkhard Pohl ist nach eigener Aussage weder aufgeregt gewesen noch ist er ein Risiko eingegangen bei der Entschärfung des Blindgängers am Sonnabend in der Feldstadt. Eine gewisse Erleichterung ist dem Bomben-Profi trotzdem anzusehen, als er den Zünder präsentiert.Hoefer

Perfekte Planung, viele Helfer und ein cooler Sprengmeister – die Bombenentschärfung in der Feldstadt verlief reibungslos. Nur einmal wurde es brenzlig.

svz.de von
22. Juli 2012, 08:52 Uhr

Feldstadt | Bomben entschärft man am besten am Wochenende. Sagt jedenfalls Ordnungsdezernent Dr. Wolfram Friedersdorff. "Da müssen die Leute nicht zur Arbeit, Schule oder in den Kindergarten", sagt er. So eine Evakuierung sei bei gutem Wetter dann fast kein Problem. Jens Krause, Einsatzleiter von der Berufsfeuerwehr, pflichtet ihm bei. Vor allem in seiner Hamburger Zeit hat er viele Bombenentschärfungen mitgemacht. Der Erfolg scheint beiden recht zu geben. Nach acht Stunden war der explosive Spuk vorbei. Sicher und souverän. Bereits seit Donnerstagnachmittag war klar, dass vor der ehemaligen Liebknechtschule ein Blindgänger liegt. Einen gefährlichen Langzeitzünder hatte Sprengmeister Burkhard Pohl nach intensiven Voruntersuchungen ausgeschlossen. Die Zeit drängte also nicht. Gut vorbereitet machten sich knapp 90 Einsatzkräfte von Polizei, Berufs- und freiwilligen Feuerwehren, Ordnungsamt, Stadt und DRK am Sonnabend ans Werk. 1200 Menschen mussten nur für wenige Stunden ihre Wohnungen verlassen. Und doch wurde es für einen kurzen Moment ganz schön brenzlig. Das Protokoll einer Entschärfung:

8.30 Uhr: Die Feldstadt liegt noch im Halbschlaf. Die Lagebesprechung der Einsatzkräfte, die am Augustenstift Stellung bezogen haben, ist vorbei, Männer und Frauen in dunkelblauen Uniformen mit gelben Reflektorstreifen strömen aus. Sie klingeln an jeder Wohnungstür und erinnern die Feldstädter rund um den Liebknechtplatz höflich daran, ihre Wohnung bis zum Mittag zu räumen. An sieben Einfahrten zur Feldstadt stoppt die Polizei den Durchgangsverkehr. Alle haben Verständnis. "In der Feldstadt sind die Leute so etwas schon gewohnt", sagt Jan Ullmann, der von der Freiwilligen Feuerwehr Schlossgarten zur Evakuierung abgeordert wurde. Bei einem Bombenabwurf amerikanischer Flieger wurde die Feldstadt im April 1945 schwer getroffen. Viele Blindgänger stecken noch im Boden. Sprengmeister Burkhard Pohl vom Munitionsbergungsdienst MV ist hier so eine Art Dauergast. Zum letzten Mal grub er sich Ende Januar an eine vermeintliche Bombe unter der Turnhalle der Niels-Stensen-Schule heran, die sich dann vor den Augen der versammelten Presse doch nur als Nummernschild entpuppte. Doch diesmal ist es kein falscher Alarm, die 150-Pfund-Bombe ist am Sonnabendmorgen schon so gut wie freigelegt. Doch bevor er sein Werkzeug an der gefährlichen Stelle ansetzt - funktionstüchtig ist die Bombe auch heute noch - muss er den Rost drum herum einweichen. Eine Arbeit von mehreren Stunden. Seit 30 Jahren ist der Sprengmeister im explosiven Geschäft, wie viele Bomben er schon entschärft hat, das hat er nicht gezählt. "Ich bin da ein bisschen abergläubisch", sagt er lächelnd. "Aber es waren eine ganze Menge." Vor allem in Wismar und Rostock. Auf dem Flughafen Parchim hat er einmal eine 250-Kilo-Bombe gezündet. Das sind die Highlights, die ihm spontan einfallen. Nach dem Einsatz baut er manchmal die unterschiedlichen Zünder auseinander. "Die sehen innen aus wie ein Uhrwerk, filigranste Feinmechanik."

Sollte Pohl den Zünder nicht gut zu fassen kriegen, dann gibt es Plan B: Sprengung. Entweder in Stern Buchholz oder vor Ort. Beides hat Nachteile: Für einen Abtransport müsste die gesamte Fahrstrecke evakuiert werden. Beim Zünden in der Feldstadt könnte trotz aufwändiger Schutzmaßnahmen Schäden an den Häusern entstehen. Herausschrauben ist immer die beste Variante.

12 Uhr: In der Mensa des Fridericianums, der Notunterkunft für die Evakuierten aus der Feldstadt sitzen knapp zehn Senioren. Die meisten Plätze im Speiseraum sind leer. 20 DRK-Helfer sind im Einsatz, registrieren jeden, der kommt. Falls eine Person vermisst gemeldet wird und aus statistischen Gründen - um für die nächsten Notfälle Orientierungsdaten zu haben. Auch ein Raum für Menschen mit Haustieren steht bereit, wird aber nicht genutzt.

In der Einsatzstelle ist jetzt Mittagspause - die Erbsensuppe gibt es im Schichtsystem. Die Laune ist bestens.

Zwischen 13 uns 14 Uhr: Burkhard Pohl stößt auf Probleme. Am nun rostfreien Zünder sieht er, dass das Gewinde beim Aufprall gestaucht wurde. Das Abdrehen könnte sich schwieriger gestalten als erhofft. Er informiert die Leitstelle: Eine Stunde lang wird er versuchen, die Bombe vor Ort zu entschärfen. Wenn das innerhalb dieser Frist nicht klappt, muss sie kontrolliert in Stern Buchholz gesprengt werden. Stadtsprecherin Michaela Christen bekommt den Auftrag "für alle Fälle" eine entsprechende Pressemitteilung zu verfassen. Mehrere 1000 Schweriner müssten dann entlang der Transportstrecke ihre Häuser verlassen.

Kurz vor 15 Uhr: Burghard Pohl setzt die Zange an den Zünder der 150-Pfund-Bombe. Nichts bewegt sich. In der Leitstelle ist die Stimmung gespannt.

15.36 Uhr: Pohl gibt grünes Licht: Die Bombe ist entschärft. Schnell zum Fototermin an den Einsatzort und Nachricht raus an alle Einsatzkräfte. Burkhard Pohl hat Bombe und Zünder schon professionell fürs Abschluss-Foto vorbereitet. In seinem Büro hat er noch schönere Zünder, erklärt er augenzwinkernd.

15.50 Uhr: Die Straßensperren sind aufgehoben, alle Feldstädter können wieder in ihre Häuser. Den Einsatzkräften winkt nach mehr als acht Stunden Wochenend-Arbeit der Feierabend. Man klopft sich gegenseitig auf die Schulter, alles perfekt gelaufen.

Na dann: Bis zum nächsten Mal. In der Feldstadt gibt es noch mehr als genug Plätze, an denen Bomben vermutet werden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen