Bad Kleinen : Ein Bahnhof auf dem Abstellgleis

Der Regionalzug nach Schwerin hält in Bad Kleinen:  Ab nächstem Jahr soll der betagte Bahnhof modernisiert werden. Ab November 2016 werden die Umbauarbeiten auch den Eisenbahnverkehr beeinflussen. Fotos: Hans Taken
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Der Regionalzug nach Schwerin hält in Bad Kleinen: Ab nächstem Jahr soll der betagte Bahnhof modernisiert werden. Ab November 2016 werden die Umbauarbeiten auch den Eisenbahnverkehr beeinflussen. Fotos: Hans Taken

Einsteigen, aussteigen und schnell weg: Zuggäste müssen in Bad Kleinen auf WC und Kiosk verzichten, doch ab 2016 soll alles besser werden

svz.de von
21. April 2015, 08:00 Uhr

Unterführungen haben in der Regel keinen guten Ruf. Warum auch? Es geht Treppen rauf und runter, die Fahrstühle sind manchmal defekt, das Licht ist künstlich, die Wände sind beschmiert und die stickige Luft ist nicht besonders einatmenswert. Die Unterführung des Bahnhofs in Bad Kleinen ist da keine Ausnahme. Wer zu den Gleisen 1 bis 5 möchte, muss da durch. Der Vorteil: Die Aufzüge in Bad Kleinen sind nicht defekt und die Wände sind nicht beschmiert. Der Nachteil: Es gibt gar keine Aufzüge und der weiße Putz fällt von den Wänden. In einem Schaukasten hängt ein Aushang. „Sehr geehrte Fahrgäste, diese Fahrplan- und Informationsvitrine wurde mutwillig zerstört. Wir bemühen uns um eine zügige Instandsetzung. Vielen Dank für Ihr Verständnis“.

Das mit dem Verständnis, das ist so eine Sache. Der junge Mann auf Bahnsteig 2 bringt nur wenig davon auf. Gleich kommt sein Zug. Die Fahrpläne, sagt er, die habe er im Kopf. Aber manchmal, da müsse er aufpassen, dass ihm nichts auf den Kopf falle. Über ihm gurren ein paar dicke Tauben, die auf den Streben unter dem Bahnsteigdach sitzen. „Fürchterlich, diese Viecher, die sind hier überall und machen auch überall hin“, schimpft er. Gibt es schon kein Bahnhofspersonal mehr in Bad Kleinen, Tauben, die gibt es auf dem Gelände mit all seinen verwaisten Gebäuden in Kohortenstärke. Und ihre Notdurft, das liegt in der Natur der Sache, verrichten die wilden Tauben überall dort, wo es ihnen gerade passt. Auch in der Unterführung.

Für die Zugreisenden gestaltet sich das mit der Notdurft wesentlich schwieriger. Toiletten gibt es, aber sie sind schon so lange geschlossen, dass kein Reisender mehr daran glaubt, dass sie jemals wieder geöffnet werden. Wenig Nutzer, viel Vandalismus, unverhältnismäßig hohe Betriebskosten – „die Stilllegung ist mit dem Land MV abgestimmt“, sagt ein Bahn-Sprecher. Und er sagt auch, dass der Betrieb der Toiletten der Gemeinde angeboten worden sei. „Diese hat den Betrieb abgelehnt“, heißt es von der Bahn. Und wenn mal jemand muss? „Der kann im Zug aufs WC gehen“, sagt ein Mann, der eine gelbe Sicherheitsweste über seine Uniform gezogen hat, an der ein kleines Schild mit dem Aufdruck „DB Sicherheitsdienst“ baumelt. Er macht gerade Station in Bad Kleinen. Über den Zustand des Bahnhofs will er nichts sagen. Er sei ja auch nicht immer hier, komme mit seinem Kollegen ab und zu vorbei, um nach dem Rechten zu sehen.


„Die Zugverbindung ist ideal“


Der Bahnhof in Bad Kleinen ist ein „rauchfreier Bahnhof“. Nostalgische Dampflokomotiven schnaufen nur noch ganz selten vorbei. Die dürfen das. Sondergenehmigung. Wer selber rauchen will, der steht im besten und vorgeschriebenen Fall in einem der markierten Raucherbereiche. So wie die Frau, die gleich in einen Regionalexpress einsteigen will. „Ich will zur Arbeit. Die Zugverbindung ist ideal. In zehn Minuten bin ich in Schwerin“, schwärmt sie. Was den Bahnhof angehe, da hat die 47-Jährige auch ihre ganz eigene Meinung: „Ich kenne den Bahnhof jetzt seit 25 Jahren und er ist seitdem immer mehr verfallen. Jetzt gibt es noch nicht einmal mehr den Kiosk hier“, sagt sie.

Ein Bahnsteig weiter wird der Kiosk ausgeräumt. „Ende Februar war schon Schluss. Jetzt holen wir die restlichen Sachen raus“, sagt eine Mittfünfzigerin, die bis vor Kurzem Kaffee, Kaugummi oder Gummibärchen über die kleine Ladentheke geschoben hat. Erst, so erzählt sie, habe es wohl einen Wasserrohrbruch gegeben. Doch die Leitung sei nie repariert worden. „Ohne Wasser lässt sich ein Kiosk schlecht offen halten“, sagt sie dann und schiebt einen Rollwagen voller Getränkekisten zu einem Sprinter. Von Seiten der Bahn heißt es, dass der Betreiber der „DB Service Stores“ in Bad Kleinen, Parchim, Ludwigslust und Schwerin Hbf Anfang des Jahres gewechselt habe. „Der Betrieb in Bad Kleinen konnte nicht wirtschaftlich dargestellt werden und wurde daher eingestellt“, führt der Bahnsprecher aus. Außerdem stehe ja ein Umbau an, und eine Investition sei für den Betreiber nicht tragbar gewesen.


Fußgängerbrücke statt Unterführung


Einsteigen, aussteigen – und dann schnell weg. So halten es viele Fahrgäste auf diesem klassischen Umsteigebahnhof. Doch bald soll alles anders werden – und barrierefrei. Sollte es eigentlich schon früher, aber jetzt gibt es einen neuen Fahrplan in Sachen Umbauarbeiten. Ab 2016, so heißt es in einer Mitteilung des DB-Konzerns, gehe es an den Abbruch und Rückbau von Gebäuden. Sind Süd- und Nordkopf – Oberbau, Weichen, Gleisfreimeldeanlage – schon in den Jahren 2011 bis 2013 erneuert worden, so seien nun Gleis- und Weichenerneuerungen im Bahnhofsmittelteil geplant. Die Oberleitung werde ebenfalls erneuert. Die Verkehrsstation soll auch in Angriff genommen werden. Die Mittelbahnsteige gehören dazu, Aufzüge sollen eingebaut werden. Und die Unterführung? Sie soll weg. Dafür soll es eine Fußgängerbrücke geben. Fußgängerbrücken genießen im Ranking der Querungshilfen nicht den schlechtesten Ruf. Wie der künftig komplett stufenfrei geplante Bahnhof in Bad Kleinen bei den Fahrgästen ankommen wird, das können die Nutzer erst Ende 2018 sagen. Dann sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. „Hoffentlich sind dann auch die Tauben weg“, sagt der junge Mann. Noch sind sie da. Ihnen gefällt es in Bad Kleinen.

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