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Transalpine-Run : Ein alpiner Härtetest der besonderen Art

vom
Aus der Onlineredaktion

Bärbel Lemme aus Perdöhl bei Wittenburg nahm zum sechsten Mal am Transalpine-Run teil. In sieben Etappen 267 Kilometer und 15 000 Höhenmeter gemeistert

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erstellt am 30.Sep.2017 | 16:00 Uhr

Fällt im Kreise von Berg- und Trail-Läufern der Name „Transalpine-Run“, so löst das in aller Regel leuchtende Augen aus. Der TAR, wie er in Athletenkreisen üblicherweise genannt wird, zählt zu den härtesten und emotionalsten Etappenrennen der Welt. Zum Beleg dieser Aussage seien einige Zahlen aufgeführt, die die 13. Auflage Anfang September kennzeichneten: Vor den Teilnehmern lagen 267 Alpen-Kilometer, die an sieben Tagen zu meistern waren. Dabei ging es 15  556 Meter bergauf und 14  450 Meter bergab. Was sich hinter diesen Eckdaten verbirgt, was das also in der Realität bedeutet, davon kann Bärbel Lemme mehr als nur ein Lied singen. Die 53-jährige Perdöhlerin hat sich seit ihrer ersten Teilnahme 2012 jetzt zum sechsten Mal in Folge dieser außergewöhnlichen Herausforderung gestellt. „Das ist immer wieder ein Test, wie weit man gehen kann. Du ziehst da eine Menge für dich raus, wirst mental unheimlich stark und stressresistent für das alltägliche Leben.“

Das Durchkommen ist allerdings so eine Sache. Zu den Besonderheiten des Transalpine-Run zählt, dass das Rennen nur als Zweierteam in Angriff genommen werden darf. In diesem Jahr gingen 298 Duos in Fischen im Allgäu an den Start. Davon kamen am Zielort im italienischen Sulden nur noch 192 Teams und 49 Einzelläufer an. Die „Individual Finisher“ waren das Resultat zwischenzeitlicher Aufgaben. Die sind eher Regel als Ausnahme.

Diese Erfahrung hat auch Bärbel Lemme bereits mehrfach gemacht. 2014 musste sie selbst aus gesundheitlichen Gründen bereits am zweiten Tag aussteigen, in den beiden Folgejahren „erwischte“ es ihren jeweiligen Partner. „Das dann alleine durchzuziehen, macht es noch extremer.“ Bei der 2016er-Auflage ging es für Klaus Willhöft nicht mehr weiter. Beide waren sich aber schnell einig, gemeinsam einen zweiten Anlauf zu wagen.

Und diesmal ging alles gut. Die „Möllner Nordlichter“, so der Teamname von Bärbel Lemme und dem gleichaltrigen Willhöft (das Duo startete für den Möllner SV) erreichten im Zeitlimit die Tennishalle in Sulden und erlebten einen sehr emotionalen Moment, „mit Tränen in den Augen“. Es sei von vornherein nur darum gegangen, gesund durch- und anzukommen. „Ganz vorne mitzulaufen, hast du als Nordländer kaum eine Chance. Da fehlen einfach die Trainingskilometer in der Höhe.“

Das „Projekt“ Transalpine-Run will von langer Hand vorbereitet sein. Das gilt zum einen für den sportlichen Part. Ins gezielte Training steigt die Perdöhlerin schon im Januar ein, mit einem Wochenpensum von um die 100 Kilometer. Zwischendurch geht’s auch mal ruhiger zu, der Sport muss schließlich immer mit dem Beruf abgestimmt werden. Zum Ausgleich werden Extremwochen mit einem Pensum zwischen 150 und 180 Kilometern draufgepackt – Laufen, schnelles Gehen und Radfahren. „Du musst eben immer dranbleiben.“ Ab April geht’s einmal im Monat in die Berge. Anfahrtswege von 1000 Kilometern sind da keine Seltenheit.

Lemme und Willhöft trainierten so oft wie möglich zusammen, standen fast täglich zumindest in telefonischem Kontakt. „Damit man lernt, wie der andere tickt. Es muss auch menschlich passen.“

Zur Vertiefung dienten gemeinsame Wettkämpfe, neben Rennsteiglauf (73 km) und Fichtelberg-Ultra (55 km), auch solche mit besonderem Reiz, wie der „urban2glacier“, ein 65 km langer Lauf von der Olympiastadt Innsbruck auf den Stubaier Gletscher in 3150 Metern Höhe, oder die Zugspitz-Challenge, der höchste und härteste Marathon Deutschlands. Die Aktiven wurden dabei stets von ihren Partnern Martina Hanser und Ulli Lemme begleitet. Man wuchs zu einem verschworenen Quartett zusammen.

Ulli Lemme ist so etwas wie der logistische Kopf im Hintergrund. „Auch wenn ich nicht selber laufe, so liebe und lebe ich die Berge doch auf meine Weise.“ Bereits im Dezember beschäftigt er sich mit den Quartierbuchungen für den nächsten Transalpine-Run, um sich die kurzfristige Vor-Ort-Suche in den sieben Etappenorten zu ersparen.

Zur guten Vorausplanung gehört aber auch, sich in die jeweiligen Streckenprofile zu vertiefen und danach ebenfalls frühzeitig (spätestens im März) die abendlichen Physiotherapietermine festzumachen. „Sowohl die Physiotherapeuten als auch das Ärzteteam sind absolute Freaks und Spitzenkönner, die sich extra Urlaub für diese Woche nehmen.“ So wurde Lemme von einem Physio „geknetet“, der im Olympiastützpunkt Oberwiesenthal die deutsche Nationalmannschaft der nordischen Kombinierer betreut. „Die geben dir auch einiges mit, was du zu Hause für deinen Körper tun kannst.“

Und da kommt Nico Haase von der Wittenburger Physiotherapie „Thespo“ ins Spiel, der seit Lemmes TAR-Premiere gewissermaßen als guter Geist zum Team gehört und auch in diesem Jahr dazu beitrug, dass die 53-Jährige anfängliche gesundheitliche Probleme überwinden konnte.

Aber selbst die beste Vorbereitung bewahrt die Teilnehmer während dieser Extrem-Woche nicht vor heiklen Momenten. Dafür sind die Strapazen, die diese Kombination aus Laufen und Wandern auf schnellem Niveau bis hin zum Klettern und Bergsteigen in hochalpinen Regionen bereithält, einfach zu hart. „Es war teilweise ganz schön eng.“

Bärbel Lemme denkt da vor allem an die mit 46,5 km längste Etappe, die „Königsetappe“, die am vierten Tag wartete. Da ging es ihrem Partner gar nicht gut. Ganz wichtig seien in so einer Situation klare Ansagen. „Herumeiern hilft niemandem. Du musst ehrlich miteinander umgehen. Nur so kannst du dich aufeinander einstellen.“ Sie hatte sich die Zeiten auf die Hand notiert, die notwendig waren, um im Limit zu bleiben. Denn geht man bei einem der Verpflegungspunkte nicht innerhalb des gesetzten Zeitfensters durch, war’s das, dann wird man sofort aus dem Rennen genommen.

Sicherheit und Gesundheit werden groß geschrieben. Das geht mit der allmorgendlichen, peniblen Kontrolle der Rucksäcke los. Jeder Teilnehmer muss 1,2 Liter Flüssigkeit mit sich führen, komplette Regenbekleidung – lange Hose, Jacke, Mütze, Handschuhe –, nahrhafte Gels, Erste-Hilfe-Pack und ein Handy mit allen wichtigen Nummern, etwa vom Veranstalter und der Medical-Crew.

Bei jeder Etappe gibt es einen Vorläufer, der über Besonderheiten informiert, die der Streckenchef im Briefing vor dem Start weitergibt. So musste in diesem Jahr gleich am ersten Tag umgeplant werden. Weil der Schnee zu weit heruntergekommen war, ging es nicht so weit in die Höhe. Dafür wurde die Strecke verlängert. Dem letzten Läufer auf dem Fuße folgt das „Aufräumkommando“, das alle Markierungen gleich wieder einsammelt. Wird dabei auch Müll gefunden, zieht das die sofortige Disqualifikation nach sich. Dass alles, was die Teilnehmer dabeihaben, mit ihrer Startnummer versehen ist, ermöglicht die direkte Zuordnung.

Der letzte Tag hatte es noch einmal in sich. „Es darf keine Haut zu sehen sein“, lautete die Ansage. Und das aus gutem Grund. Beim Aufstieg zum mit 2886 Metern höchsten Punkt der diesjährigen Route war es bitterlich kalt. Der eisige Wind ließ die gemessenen null Grad noch wesentlich „frischer“ erscheinen. Zudem beeinträchtigte dichter Nebel die Sicht erheblich. Da war allerhöchste Konzentration gefordert. Aber auch diese Klippe meisterten die „Möllner Nordlichter“ und tauchten nach einer Gesamt-Laufzeit von 53:06:35 Stunden in die einmalige Atmosphäre der Suldner Tennishalle ein. „Da fällt die ganze Anspannung ab, spielen sich tumultartige Szenen der Freude ab.“

Das setzte sich bei der abendlichen Siegerehrung mit der feierlichen Übergabe der Finisher-Shirts, die es nirgendwo käuflich zu erwerben gibt, nahtlos fort. Extremsportler verstehen sich eben als eine große Familie. „Die Kameradschaft ist unheimlich ausgeprägt. Man fällt sich in die Arme, ob man sich nun sprachlich versteht oder nicht.“

Keinerlei Verständigungsprobleme gab es natürlich mit Jörg Clemen und Torsten Gunia. Auch das Schweriner Duo zählte zu den überglücklichen Finishern. Clemen hatte Lemme 2012 als ihr erster TAR-Partner so richtig auf den Geschmack gebracht.

Nach dem gemeisterten Saisonhöhepunkt war im Hause Lemme in Sachen sportliche Betätigung „gammeln“ angesagt. „Du musst dem Körper einfach Ruhe gönnen.“

Nach einigen Wochen steigt die Perdöhlerin langsam wieder ein. Ein wichtiger Gradmesser ist für sie alljährlich der 27. Dezember. „Wir nennen das unseren dritten Feiertag. An den 30 Kilometern, die ich an diesem Tag laufe, kann ich schon ungefähr abschätzen, wie das nächste Jahr wird.“

Apropos: Wie sieht es denn mit dem Transalpine-Run 2018 aus? „Der Plan liegt schon in der Schublade. Ich will mich aber noch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Wenn ich gesund bleibe, bin ich wieder dabei.“ Die Berge lassen sie eben nicht mehr los.

P.S.: Ein besonderes Dankeschön möchten die „Möllner Nordlichter“ Siegfried Karow sagen. Das Schweriner Läufer-Urgestein (73 Jahre) hatte gewissermaßen jeden Schritt der Möllner und Schweriner via Internet verfolgt und ihnen zu jeder Etappe über WhatsApp Motivations-Reime übermittelt, inklusive einer detaillierten Auswertung und einer abschließenden Gratulation.

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