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Horroreltern vor Gericht : Dreijährigen gequält und gedemütigt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Prozess um Kindesmisshandlung: Vater und Stiefmutter vor Gericht

von
erstellt am 03.Nov.2017 | 05:00 Uhr

Die Anklage, die die Staatsanwältin gestern in Saal 11 des Schweriner Landgerichts verlas, hat manche Beobachter fassungslos zurückgelassen. Mit erschreckenden Details untermauerte sie, was sie einem 32-jährigen Vater und seiner 36-jährigen Ehefrau aus Grevesmühlen an Kindesmisshandlung zur Last legt. Sie sollen im Frühjahr 2016 mehrere Monate lang den kleinen Sohn des Mannes geschlagen und gedemütigt haben. Und sie ließen ihn fast verhungern. Dabei hatte der Vater darum gekämpft, den Dreijährigen bei sich haben zu dürfen.

Mit gesenktem Kopf hörte sich der große, stämmige Mann mit dem fast gemütlich wirkenden Bart die Anklage an. Seine Frau versuchte unterdessen ihr Gesicht hinter dem übergroßen Kragen ihres Pullovers zu verbergen. Mehrmals setzte die Stiefmutter das Kind angeblich stundenlang in eine kalte Badewanne, bis es zitterte. Ein anderes Mal hängte es laut Anklage den Jungen kopfüber über eine verstopfte Kloschüssel. Eines Abends riss sie das Kind immer wieder aus dem Schlaf, als Strafe dafür, dass er tagsüber angeblich zuviel geschlafen hatte.

Den Vater informierte sie per SMS über ihr Tun – und er billigte es. Die Ermittler fanden SMS-Texte, in denen die Angeklagten das Kind als „dumm“, „Assi“ oder auch als „Scheiß“ bezeichneten. Lange Zeit musste der Kleine auf einer uringetränkten Matratze schlafen, weil er häufig ins Bett machte und niemand die Laken wechselte, so die Ermittlungen. Schwere Schläge und lautes Anbrüllen durch den Vater und die Stiefmutter sollen an der Tagesordnung gewesen sein. Als er im Mai 2016 endlich in eine Klinik kam, wog der Junge nur noch zehn Kilogramm; fünfzehn wären normal gewesen.

Die Staatsanwaltin sagte, die Angeklagten hätten das Kind mit einer „offen feindseligen Gesinnung“ behandelt, um seinen Willen zu brechen, und sprach vom „gefühllosen, quälerisches Tun“. Der Anwalt, der die Rechte des geschundenen Kindes vor Gericht vertritt, nannte die Schikanen „verbotene Folter“. Das Kind habe wahrscheinlich bleibende psychische Schäden davongetragen.

Das Gericht bot den Angeklagten nach einer Absprache mit den Verteidigern und der Staatsanwältin an, es bei höchstens drei Jahren und drei Monaten zu belassen, wenn sie ein umfassendes Geständnis ablegen und vor allem ihr unfassbar erscheinendes Handeln erklären.

Da die leibliche Mutter sich nicht kümmern konnte, lebte der Junge bis Dezember 2015 unter Obhut des Jugendamtes in einer Wohngruppe. Das Amtsgericht Schwerin beschloss dann, dass er beim Vater wohnen dürfe. Doch es schien so, als ob der Kleine das nicht wollte. Er reagierte mit Trotz, verweigerte das Essen.

Erst blieben Vater und Stiefmutter gleichgültig, dann schikanierten sie den Dreijährigen. Als die Großmutter das Sorgerecht für den Jungen haben wollte, schaltete sich auch das Jugendamt ein und schickte das Kind ins Krankenhaus. Welche Rolle das Jugendamt vorher spielte, ist öffentlich nicht bekannt. Es habe keine falsche Einschätzung gegeben, hieß es aus dem Landratsamt, kurz nachdem der Fall in Grevesmühlen bekannt wurde.

Die Angeklagten wollen nächsten Montag sagen, ob sie das strafmildernde Angebot des Gerichts annehmen. Vorerst berichteten sie nur über ihren Lebenslauf. Auf die Frage nach ihren Hobbys antwortete die Stiefmutter zum Erstaunen mancher Beobachter: „Mein Kind“. Damit meinte sie allerdings ihre zehnjährige Tochter, die sie mit in die Ehe gebracht hat.

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