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Einschlung für Zirkuskind Shereen : Drei Schulen in einer Woche

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Heute werden in MV mehr als 15.300 Kinder eingeschult, aber nur wenige werden so oft die Einrichtung wechseln wie Zirkuskind Shereen

svz.de von
erstellt am 02.Sep.2017 | 16:00 Uhr

Heute ist ihr großer Tag, denn für 15300 Mädchen und Jungen in Mecklenburg-Vorpommern heißt es: Tschüs Kindergarten. Hallo Schule. 82 Kinder werden in der Fritz-Reuter-Grundschule in Crivitz eingeschult. Mit dabei ist auch Zirkuskind Shereen Köllner. Anders als die anderen wird die Sechsjährige keine Zeit haben, Lehrer und Mitschüler richtig kennenzulernen. Dienstag wird Shereen eine Grundschule in Malchow besuchen, am Freitag drückt sie dann in Rechlin die Schulbank. Der Tourneeplan des Zirkus Aragon will es so.

Shereen flitzt zwischen den Zirkuswagen hin und her und treibt schnatternde Gänse vor sich her. Ein paar Meter weiter hämmert ihr Vater Renaldo dicke Eisenstangen in den rasen bedeckten Boden. Zeltaufbau. Wenig Zeit, viel Arbeit. Harte Arbeit. Das weiß auch schon Shereen mit ihren sechs Jahren. Und sie weiß auch, dass das Reisen ebenso zum Zirkus gehört wie ein gut gelaunter Clown.

Wie ihre Schultüte aussehen und womit sie gefüllt sein wird, das weiß Shereen dagegen nicht. Als Bruder Donjo vor zwei Jahren zur Schule kam, da hatte sie auch eine Schultüte. „Aber nur so eine kleine. Jetzt gibt es die große“, sagt sie und grinst dann so, wie ein Kind eben grinst, wenn viel Süßes greifbar nah ist.

Heute werden viele Kinder grinsend ihre Schultüten über den Schulhof der Crivitzer Fritz-Reuter-Schule tragen. Zeit, den Mitschülern von ihren Geschenken zu erzählen, wird Shereen aber nicht haben. Nur zwei Tage ist sie da, denn dann reist sie mit dem Mitmachzirkus ihrer Eltern zum nächsten Auftrittsort.

Schulpflichtiger Nachwuchs von Zirkus- oder auch Schaustellerfamilien wird im Fachjargon „Kinder beruflich Reisender“ genannt. Die Jungen und Mädchen haben eine so genannte Stammschule an dem Ort, an dem ihr Hauptwohnsitz gemeldet ist. Die Stammschule ist ganzjährig auch bei Reise bedingter Abwesenheit für die schulische Betreuung und Beratung des Schülers zuständig. „Die Eltern müssen uns mitteilen, in welche Schule ihre Kinder gerade gehen“, sagt Carmen Loerzer, Schulleiterin der Grundschule in der Stadt Gnoien. Dort sind Shereens Eltern gemeldet. In ein Schultagebuch wird von den Lehrkräften der jeder besuchten Schule der Lernfortschritt des Schülers dokumentiert. So soll ermöglicht werden, die Leistungen zu bewerten und letztlich Zeugnisse auszustellen.

Shereens Mutter Natalie kennt das Schultagebuch. Die 38-Jährige stammt aus einer bayerischen Zirkusfamilie, ging in einem halben Dutzend Bundesländern zur Schule. „So um die 300 verschiedene Schulen habe ich wohl besucht“, rechnet sie nach. Groß gestört habe sie das kaum, sogar eine der besten Freundinnen fürs Leben habe sie in dieser Zeit kennengelernt. Und sitzen geblieben sei sie auch nie. Darauf ist die jetzt sechsfache Mutter stolz. So wie sie auch auf ihre Kinder stolz ist: „Zwei haben schon ihren Schulabschluss.“

Wenn heute die Einschulung für Shereen zu Ende ist, wird auf der Festwiese in Crivitz etwas gefeiert. Aber nicht zu lange, denn um 16 Uhr steht die erste von zwei Vorstellungen am Wochenende an. Dass Sport mal ihr Lieblingsfach werden könnte, ist nicht unwahrscheinlich, denn Handstandakrobatik beherrscht sie schon.

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