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Vortrag über Flieger-Angriff : Drama der Bombennacht interessiert Schweriner

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Bomben auf die Feldstadt - ein militärisch sinnloser US-Fliegerangriff vom 7. April 1945 zieht noch viele Schweriner in seinen Bann. Mehr als 200 Menschen verloren an diesem Tag ihr Leben. 1500 Bomben wurden abgeworfen.

svz.de von
erstellt am 14.Feb.2012 | 11:17 Uhr

Schwerin | Bomben auf die Feldstadt - ein militärisch sinnloser US-Fliegerangriff vom 7. April 1945 zieht noch heute viele Schweriner in seinen Bann. Mehr als 200 Menschen verloren an diesem Tag ihr Leben. Zahlreiche Blindgänger sorgen noch heute für Aufregung und Angst in der Feldstadt. Immerhin wurden insgesamt 1500 Sprengbomben über dem Gebiet abgeworfen. Obwohl die Piloten eigentlich den Güterbahnhof treffen sollten. Und selbst der war nur ein "secondary target", eine Art Ausweichziel für die Bomber, wenn die Sicht beim Hauptziel zu schlecht war. Den Angriff, der viele tragische und verstörende Seiten hat, nahm Stadtarchiv-Leiter Dr. Bernd Kasten genauer unter die Lupe und erstellte anhand vieler Quellen - von Luftauf nahmen bis zum Sterberegister - einen historischen Vortrag, dessen Popularität ihn selbst überrascht. Bereits zweimal referierte Kasten im mit mehr als 100 Gästen voll besetzten Schleswig-Holstein-Haus. Bereits zweimal mussten viele Interessierte weggeschickt werden, obwohl sie schon eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn vor Ort waren.

Genau erklären kann sich der Leiter des Stadtarchivs diesen Ansturm nicht. Er habe schon viele interessante Vorträge gehalten, manche davon nur vor acht Zuhörern. Bei den regelmäßig stattfindenden Vortragsabenden des Stadtgeschichts- und -museumsvereins, zu dem auch der Bomben-Vortrag gehört, kommen durchschnittlich 60 Interessierte. "Nach dem Vortrag, der für 45 Minuten konzipiert ist, gab es bislang immer viele Fragen, interessante Ergänzungen und einige Zeitzeugenberichte, die meinen Kenntnisstand noch erweitert haben", sagt Kasten. Offenbar ist die Bombardierung Schwerins noch nicht ausreichend behandelt worden. Auch die aktuelle Bedrohung durch einen möglichen Blindgänger unter der Turnhalle der Niels-Stensen-Schule (SVZ berichtete) heizte das Interesse an. Selbst wenn sich die Bombe diesmal als eine Mischung aus vergrabenem Nummernschild, Leitungsschlauch und Betonarmierung entpuppte. Der Vortrag "Bomben auf die Feldstadt" wird wegen des großen Interesses noch einmal wiederholt. Morgen spricht Kasten von 19 Uhr an in der Aula der Volkshochschule, Puschkinstraße 13, erneut über das Thema. Der Einlass beginnt schon um 18 Uhr. SVZ gib t an dieser Stelle einen Einblic k in den Vortrag .

Weil größere Industrie anlagen gefehlt haben, blieb Schwerin während des Zweiten Weltkrieges weitgehend verschont von Bombenangriffen: Am 21. Juli 1940 sind jedoch bei einem britischen Angriff mehrere Häuser im Bereich der Severinstraße zerstört und sechs Menschen getötet worden. Der Flugplatz in Görries wurde am 4. und 25. August 1944 von amerikanischen Bomberverbänden angegriffen. Im Oktober 1944 erfasste die US-Luftaufklärung die Bahnanlagen in Schwerin als mögliches Ziel. Am 6. April 1945 wurde der Güterbahnhof für einen aus 180 Maschinen bestehenden Bomberverband, der den Flugplatz in Parchim angreifen sollte, als so genanntes "Sekundärziel" angegeben. Am 7. April im Morgengrauen starteten die Flieger vom englischen Rattlesden, erreichten Parchim am frühen Nach mittag. Die Sicht war gut genug, die meisten Piloten warfen ihre Bomben zielgenau ab. Kasten: "Aber die Bomber trafen offenbar nicht alle zur selben Zeit ein. Immerhin 48 B-17-Bomber fanden bei ihrer Ankunft über Parchim eine dichte Wolkendecke vor, die einen präzisen Bombenabwurf unmöglich machte. Sie wendeten und nahmen nun Kurs auf das Sekundärziel, den Schweriner Güterbahnhof." Die Flugzeuge flogen in einer Höhe von 5000 Metern mit einer Geschwindigkeit von mehr als 300 Kilometern pro Stunde. "Die durch die Stadt führende Bahnlinie ließ sich auch aus dieser Höhe gut ausmachen", so Kasten. "Zwischen viertel nach zwei und halb drei Uhr am Nachmittag warfen fünf Staffeln aus zusammen 39 B-17 Bombern insgesamt 92 Tonnen Bomben auf die durch die Schweriner Feldstadt verlaufende Bahnlinie ab: 1100 Sprengbomben zu je 150 Pfund und 380 je 100 Pfund schwere Sprengbomben, die je fünf kleinere 20 Pfund schwere Splitterbomben enthielten. Trotz klarer Sicht verfehlten sie ihr eigentliches Ziel, den im Norden der Stadt gelegenen Güterbahnhof, dessen Lage der amerikanischen Luftaufklärung wohl bekannt war, um fast zwei Kilometer. Wie es zu diesem Fehler kam, ob aus Unfähigkeit oder bösem Willen, lässt sich heute nicht mehr klären."

Zwar hätte das Straßenbahndepot in der Wallstraße bei den Piloten für Verwirrung sorgen können, doch ein Blick auf die Karte hätte das richtige Ziel gewiesen. Das fatale Resultat der Attacke: 224 Tote, 41 völlig zerstörte Häuser und gut doppelt so viele stark beschädigt, wie Kasten erklärt. "Vergleicht man den Bombenangriff auf Schwerin mit anderen, fällt auf, dass dieser militärisch völlig bedeutungslose Angriff eines vergleichsweise kleinen Bomberverbandes mehr Todesopfer gefordert hat als der mehrtägige Großangriff auf die Stadt Rostock im April 1942, der 221 Menschen das Leben gekostet hatte, aber die gesamte Altstadt in Schutt und Asche legte. Anders als in Schwerin erfolgten die Angriffe auf Rostock in der Nacht, die Bevölkerung war rechtzeitig gewarnt worden und hatte sich in vergleichsweise sichere Luftschutzräume geflüchtet", resümiert Kasten.

Schwerin traf der Bombenangriff an diesem Kriegssonnabend völlig unvorbereitet. Viele Menschen starben in ihren Häusern, ganze Familien wurden ausgelöscht. Kasten versucht in seinem Vortrag, persönliche Schicksale hinter den Zahlen und Registereinträgen auszumachen und berichtet ausführlich über die Toten und die zerstörte Feldstadt. Auch die Beisetzung habe in der folgenden Zeit noch zu allerlei Querelen geführt. "Zwar ließ die NS-Führung 142 Opfer des Bombenangriffs auf dem ,Ehrenfriedhof im Haselholz beisetzen. Aber mindestens die Hälfte von ihnen wurde in den darauf folgenden beiden Jahren auf Wunsch ihrer Angehörigen exhumiert und zum alten Friedhof überführt", sagt der Historiker. Beim Gang durch die Feldstadt erinnert heute nur noch wenig an den 7. April 1945. Zehn der damals zerstörten Häuser sind nicht wieder aufgebaut worden. Kasten: "Diese Baulücken und die wenigen noch erkennbaren Bombenschäden sind die einzigen Zeugnisse, die von dem Bombenangriff auf Schwerin in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges zurückgeblieben sind. Eine Gedenktafel für die Opfer sucht man vergebens."

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