Austauschschülerin Tatiana Bellagio : Die Wittenfördenerin aus Argentinien

<fettakgl>Bald ist das halbe Jahr vorbei:  </fettakgl>Die 17-jährige Tatiana Bellagio fliegt Ende Juli nach Argentinien zurück. <foto> Jürgen Hamann</foto>
Bald ist das halbe Jahr vorbei: Die 17-jährige Tatiana Bellagio fliegt Ende Juli nach Argentinien zurück. Jürgen Hamann

Heute fliegt Tatiana Bellagio nach Malta, um dort eine Woche Ferien zu machen. Mit ihr fliegt Beate Kandzorra aus Wittenförden, seit fünf Monaten Ersatzmutter für die 17-jährige Argentinierin.

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26. Juni 2012, 11:27 Uhr

Wittenförden | Heute fliegt Tatiana Bellagio nach Malta, um dort eine Woche Ferien zu machen. Mit ihr fliegt Beate Kandzorra aus Wittenförden, seit fünf Monaten Ersatzmutter für die 17-jährige Argentinierin. Seit dem 23. Februar ist die junge Frau als Austauschschülerin in Deutschland, kam am 23. Februar an, flog vom argentinischen Sommer mit 35 Grad im Schatten in das vom Frost gebeutelte Mecklenburg. Tatiana wohnt im Norden Argentiniens in Salta. Ihr Vater ist Ingenieur, ihre Mutter hat ein eigenes Geschäft.

"Ich wusste schon, was in Deutschland auf mich zukommt", sagt Tatiana. "Vor drei Jahren war meine jetzt 20-jährige Schwester Zoraida als Austauschschülerin in Deutschland und wir hatten einen deutschen Jungen zu Gast. In diesem Jahr war die 16-jährige Alma Wiskichen aus Recklinghausen bei uns als Austauschschülerin. Wir sind gute Freundinnen geworden und ich werde sie auch noch besuchen."

Obwohl ihr Vater, wie sie sagt, ein Fan von Deutschland und von der deutschen Demokratie ist, sprach Tatiana kaum ein Wort deutsch, als sie im Februar in Wittenförden ankam. "In der Schule haben wir uns die ersten drei, vier Wochen auf Englisch verständigt. Aber dann ging es immer leichter mit der deutschen Sprache", sagt die Argentinierin. Es ist erstaunlich, wie gut die junge Frau inzwischen die Fremdsprache beherrscht.

Dann erzählt sie, was hier so anders ist, als in Argentinien. "Das beginnt bei der Begrüßung. Wir geben meist dem anderen ein Küsschen, Hier wird einem förmlich die Hand entgegen gestreckt. Und im Bus zucken die Leute zurück, wenn man mit ihnen in Berührung kommt. Bei uns ist man sich immer näher, hat keine Berührungsängste."

Auch das Essen war gewöhnungsbedürftig. "Ich esse gern Fleisch. Argentinier essen viel Rindfleisch, sagt sie. Aber das Brot hier in Deutschland schmeckt wirklich gut. Es gibt so viele Sorten, die schmecken. Und erst die Kuchen. Die sind so gut. Ich habe deshalb ein paar Kilo zugenommen." Austauschmutter Beate Kandzorra ergänzt: "Sie hat etwas Pech mit mir gehabt, denn ich bin Vegetarierin. Da gibt es keinen wirklich deutschen Speiseplan."

Außer der Sprache hat Tatiana, die das Goethe-Gymnasium bis zum Schuljahresende besucht hat, noch einiges gelernt. "Das ist die deutsche Pünktlichkeit. Ich habe in den ersten Wochen drei oder vier Mal den Bus verpasst und dann stundenlang auf den nächsten gewartet. Heute gehe ich immer pünktlich los, denn der Bus wartet nicht und die Schule beginnt auch auf die Minute genau. Als ich den Bus verpasst hatte, bin ich auch zu Fuß nach Schwerin gegangen. Aber das war nicht so gut..."

Beeindruckt hat die Argentinierin auch das deutsche Schulsystem. "In Argentinien gehen alle in die Volksschule. Da sind alle Lehrpläne neun Jahre lang für alle gleich. Es gibt keine Spezialisierungen. Aber wer Geld hat, geht zur Privatschule. Dort lernt man mehr und wird bevorzugt, wenn man studieren oder eine Lehre aufnehmen will. Das finde ich unfair. Hier in Deutschland haben alle Kinder die gleichen Bildungschancen."

Die 17-Jährige meint auch, dass die Demokratie hier gut funktioniert. "Mein Vater weiß viel darüber und findet es gut, dass ich in diesen Teil Deutschlands fahren durfte, weil hier die Geschichte anders war. Aber ich habe keinen Unterschied zwischen meiner Freundin aus Recklinghausen oder den neuen Freundinnen hier in Schwerin gemerkt. Manchmal kommt es mir vor, als sei ich schon Jahre in dieser Klasse gewesen und nicht erst fünf Monate..."

Auf die Frage nach dem Heimweh antwortet Tatiana lächelnd: "Dafür habe ich keine Zeit gehabt. Und auch in den letzten Tagen möchte ich noch viel sehen und kennenlernen."

Tatiana ist mit dem Austauschprogramm von "American Field Service" (AFS) nach Deutschland gekommen. Die Organisation hat eine lange Tradition. Sie geht auf freiwillige Sanitätsfahrer im Ersten Weltkrieg zurück, die Verwundete von den Schlachtfeldern gerettet hatten. Auch im Zweiten Weltkrieg war AFS mit freiwilligen Fahrern weltweit aktiv. 1946 kamen dann AFS-Sanitätswagenfahrer in den USA zusammen, um über die Zukunft des "American Field Service" zu entscheiden: Die Veteranen beschlossen, Jugendaustauschprogramme ins Leben zu rufen mit der Vision, das Verständnis zwischen den Kulturen zu fördern und damit den Weltfrieden zu sichern. 1948 fuhren die ersten beiden deutschen Schüler mit AFS in die USA. Seit nun mehr 60 Jahren öffnen Familien in Deutschland ihr Zuhause. Die deutsche Länderorganisation AFS Interkulturelle Begegnungen ist ein Verein. Mit AFS reisen jährlich etwa 800 Schüler aus rund 50 Ländern nach Deutschland. Je nach Programm bleiben sie zwischen sechs und elf Monate. Sie möchten den deutschen Alltag, die Kultur und Sprache kennen lernen.

Mit Tatiana fuhren weitere Austauschschüler vom Frankfurter Flughafen nach Mecklenburg-Vorpommern. "Ich war froh, dass ich nach Schwerin gekommen bin. Die anderen sind in einem kleinen Dorf", berichtet sie. "Schwerin ist eine sehr schöne Stadt und eine Super-Landeshauptstadt."

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