Schicksal : Die verbrannte Existenz

Ein Bagger reißt ein Loch  in die Wand der zerstörten Trödelhalle, damit auch über 70 Stunden nach dem Feuer Glutnester gelöscht werden können. Betreiber Flemming Jakobsen schaut sich das an – auch wenn es ihm schwer fällt.
Ein Bagger reißt ein Loch in die Wand der zerstörten Trödelhalle, damit auch über 70 Stunden nach dem Feuer Glutnester gelöscht werden können. Betreiber Flemming Jakobsen schaut sich das an – auch wenn es ihm schwer fällt.

Die Trödelhalle in Rampe ist zerstört, doch Flemming Jakobsen bekommt viel Unterstützung und denkt schon über einen Neuanfang nach

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25. August 2015, 21:00 Uhr

Irgendwie ist alles wie ein Traum. Ein schlechter Traum. Am liebsten würde Flemming Jakobsen aus ihm entrinnen und einfach nur aufwachen. Aber das geht nicht. Geträumt wird im Schlaf. Jakobsen hat so gut wie nicht geschlafen in den vergangenen drei Tagen. Alles, was er sieht, ist real. Der verkohlte Auflieger eines Armeefahrzeugs, in dem über 500 Gemälde verschmort sind. Der Bagger, der gerade ein Loch in die Wand des zweigeschossigen Gebäudes reißt, damit selbst mehr als 70 Stunden nach dem Feuer Glutnester in verrußten Bücherregalen gelöscht werden können. Der Trödel, der zu dicken Klumpen verschmolzen ist, die jetzt den Boden der 50 Meter breiten Halle übersäen. Töpfe, Tassen oder Teelöffel. Von jedem etwas, von einigen viel. Briefmarken, Brettspiele oder Besen. Das waren seine Waren aus zweiter Hand. Das war seine Geschäftsgrundlage, seine Leidenschaft. Und das war seine Existenz. Jetzt ist sie verbrannt. So wie die Bibel von 1634. Jakobsens unverkäufliches Ausstellungsstück.

Flemming Jakobsen ist Däne. Aus Odense kam er, direkt nach der Wende. Sein Wagen war voller Werkzeug. Er stellte sich in die Schweriner Innenstadt. Seine Waren waren begehrt, der Andrang groß und sein Wagen am Abend leer. Zurück nach Dänemark. Einladen. Wieder nach MV. Verkaufen. „Ich bin immer hin und her gefahren“, sagt Jakobsen. Mit seinem Vater machte er einen Werkzeugladen in der Landeshauptstadt auf. Das Geschäft lief gut. Bis 1995. Da war der Markt gesättigt, „und die Zahlungsmoral der Kunden wurde immer schlechter“, erinnert sich der 49-Jährige. Drei Kaufläden machte er auf, doch als ein Familienmitglied schwer erkrankte, fehlte ihm die Kraft, sie weiterzuführen. Vier Jahre ohne Arbeit. Eine harte, schwere Zeit.

Doch da war diese Halle in Rampe. Zu DDR-Zeiten gebaut, nach der Wende auch von einem Bauunternehmen genutzt. Dann stand sie irgendwann leer. Erst war es ein kleiner Bereich, den Jakobsen 2007 mit Trödel füllte. Immer mehr Waren kamen aus Haushaltsauflösungen, Dachboden- oder Keller-Entrümpelungen dazu. Bald hatte er die ganze Halle in Beschlag genommen, Regale aufgestellt, alles so sortiert, dass den Kunden das Suchen nach bestimmten Dingen leichter machte. Manchmal, sagt Jakobsen, seien einfach nur Leute gekommen, um den musealen Charakter in der Halle zu genießen. „Erlebnis-, Antik & Trödelhalle Rampe“ – so hat er sein Geschäft genannt.

Tag drei nach dem Feuer. Waschzuber, Fahrräder, Schlitten – all das, was nicht in der Trödelhalle lagerte, steht auf der Fläche vor der Brandruine. Räumungsverkauf. Viele sind gekommen. Auch eine Frau aus Schwerin. „Halten Sie durch und machen Sie bitte weiter“, sagt sie und drückt Flemming Jakobsen fest die Hand. Oft sei sie schon hier gewesen, immer wieder schön. „Kann ich helfen?“, fragt sie. Jakobsen ist gerührt. Im Moment nicht, antwortet er mit brüchiger Stimme. Aber die Frau hat schon geholfen. Sie hat ihm Mut gemacht, gut zugesprochen. So wie es viele bereits getan haben. Jakobsen: „Im Moment denke ich mir, dass es weitergehen könnte und ich das auch möchte.“

Technischer Defekt, eine achtlos weggeworfene Zigarette, Brandstiftung? Noch ist die Ursache des Feuers nicht geklärt. Auch die Versicherungen haben noch Ortstermine. „Ich denke, dass wir bis Ende des Jahres die Trödelhalle abgerissen haben“, sagt Hallen-Besitzer Thomas Düring. „Und im kommenden Jahr“, ergänzt er , „wollen wir eine neue Halle bauen“. Neuanfang. Mit einer Halle voller Krimskrams, in denen die Besucher finden, was sie suchen und sich wohlfühlen. Das wäre für seinen Stiefvater Flemming Jacobsen ein Traum. Ein schöner Traum.

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