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Zeitung für die Landeshauptstadt

19. August 2017 | 18:56 Uhr

Gegen den Zeitgeist : Die Sehnsucht nach Opposition

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Projektwerkstatt Buntes Q in der Lübecker Straße ist zu einem „bewegungspolitischen Zentrum“ in Schwerin geworden

„So etwas wie uns gibt es in der ganzen Bundesrepublik nicht“, sagt Torsten Müller und schaut stolz auf fast dreieinhalb Jahre „Buntes Q“. In der Projekt- und Bildungswerkstatt in der Lübecker Straße wird Marx gelesen, Mathe-Nachhilfe erteilt, es wird ein „Friedhof der Opfer faschistischer Gewalt seit 1990“ gebaut und hier wurde „Atomfrei Schwerin“ aus der Taufe gehoben. Insgesamt 17 verschiedene Projekte finden sich aktuell unter dem Dach des Bunten Q zusammen. „Wir sind phasenweise zu einem bewegungspolitischen Zentrum geworden“, sagt Torsten Müller. „Die Sehnsucht nach gesellschaftspolitischer, außerparlamentarischer Opposition in Schwerin ist stärker geworden“, ergänzt Rainer Trotz. „Wir wollen diese Impulse aufgreifen, vor allem durch Projekte gegen den neoliberalen Zeitgeist, im Staat und auch in der Stadtentwicklung.“

Im Oktober 2010 wurde die Projektwerkstatt im alten „Minski“ in der Lübecker Straße eröffnet – ohne klare Vereinsstruktur, ohne Mitgliedsbeiträge, ohne klare Führung. Heute gehören zum engeren Kreis etwa 37 Leute, rund 300 andere lassen sich regelmäßig über die Aktivitäten der Projektwerkstatt informieren. Schon in ganz Deutschland waren die Mitglieder unterwegs – ein Zentrum wie ihres in Schwerin fanden sie nirgends. „Wir haben ein egalitäres Menschenbild, das bedeutet, wir haben keinen Sprecher, keine Vorstände, keine Hierarchien. Es gilt das Konsensverfahren, wenn bei Abstimmungen also nur einer aus der Runde dagegen votiert, wird weiterdiskutiert“, sagt Torsten Müller. „Wir lehnen jede Art von Befehl und Gehorsam ab.“ Dass trotzdem jeden Monat Miete, Betriebskosten und die Aufwendungen für die Bildungsarbeit bezahlt werden können – mehrere hundert Euro sind das – werten Müller und Trotz als Erfolg und zeigen stolz auf die Sammelbüchse. Jeder gibt, was er kann. Hinzu kommen allerdings noch feste Abgaben, die das Landesbüro vom Bund der Antifaschisten und die Arbeitsgemeinschaft Junge Genossen zahlen. Die beiden sind offizielle Mieter des Bunten Q.

Etwa 33 Stunden die Woche hat die Projektwerkstatt geöffnet. „Meistens zwischen 18 und 2 Uhr“, sagt Torsten Müller. Wer spontan anklopft in der Lübecker Straße 180 oder versucht anzurufen, erreicht oftmals niemanden. „Wir haben anfangs versucht, das Bunte Q zu regelmäßigen Zeiten täglich drei Stunden offen zu halten, aber das hat sich nicht bewährt“, erzählt Müller. Wer jetzt mit den Aktiven Kontakt aufnehmen möchte, macht das am besten über die Homepage buntes-q-schwerin.de, auf der die Veranstaltungstermine veröffentlicht sind, oder schreibt eine Mail an koordinator@buntes-q.de. Die Anfrage wird jeweils an die richtige Person weitergeleitet.

Rund 200 Veranstaltungen hat das Bunte Q in den vergangenen dreieinhalb Jahren in der Landeshauptstadt organisiert. Dabei fanden allerdings nicht alle in den eigenen begrenzten vier Wänden statt. So gibt es einmal im Jahr eine Fiesta Latina, die sich mit Südamerika-Themen beschäftigt. Im vergangenen Jahr beispielsweise war der venezuelanische Botschafter Rodrigo Chaves im Stadtteiltreff Eiskristall am Berliner Platz zu Gast. Werner Rügemer wurde geladen zu zwei Vorträgen im Speicher und im Schleswig-Holstein-Haus. Rügemer ist Experte auf dem Feld der Banken- und Unternehmenskriminalität und hat im speziellen die Privatisierung öffentlichen Eigentums, Cross-Border-Leasing, Public Private Partnership und private Berater untersucht. „Zu den Veranstaltungen kamen mehr als 100 Leute, aber niemand aus der politischen Klasse“, sagt Müller. „Das war für uns wirklich erschreckend. Die Politiker hier in Schwerin machen offenbar ihr eigenes Ding.“ Bei der Organisation der Großveranstaltungen halfen Rosa-Luxemburg-Stiftung und weitere Bündnispartner.

Das Bunte Q ist offen für verschiedene Gruppen von attac über „Die Bunten“ bis zur Osteuropa-Freundschaftsgesellschaft, es ist präsent bei antifaschistischen Demonstrationen, unterstützt die Idee der essbaren Stadt und bietet Bildungsarbeit. Jeden 1. und 3. Montag von 19 bis 21 Uhr findet im Bunten Q z.B. das Lektüreseminar „Das Kapital“ statt. Auch für Jugendliche hat die Projektwerkstatt etwas im Angebot: Montags und freitags bietet Torsten Müller als „Mathetoddy“ Nachhilfe für Schüler der Klassen 7 bis 10 an. 50 Jugendliche aus Schwerin und Umgebung nehmen das gerne an.

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erstellt am 28.Jan.2014 | 23:51 Uhr

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