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Podiumsdiskussion in Schwerin : Die Schizophrenie der Stasi-Spitzel

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1992 hatte Ulrich Schacht das erste Mal einen Blick in "sein Leben in der DDR geworfen", in sein Leben vor 1973, bevor er für knapp vier Jahre im Zuchthaus einsaß. Seine Stasi-Akte war mehrere hundert Seiten dick.

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erstellt am 29.Jan.2012 | 10:51 Uhr

Paulsstadt | "Der Fall Schacht muss liquidiert werden" - das hat Ulrich Schacht in seiner mehrere hundert Seiten dicken Stasi-Akte gelesen. 1992 hatte er das erste Mal einen Blick in "sein Leben in der DDR geworfen", in sein Leben vor 1973, bevor er für knapp vier Jahre im "Zuchthaus Brandenburg" einsaß. Neben Bemerkungen und ganzen Abschriften seines Lebens fand er "eine Schatztruhe meiner eigenen Schriften", wie der heute 60-Jährige seine Akte nennt. "Ein gründlicher deutscher Archivar hatte meine ersten Gedichte und Schriften zusammengetragen, das hätte ich selbst nie hinbekommen." Schacht klingt aufgeräumt. "Ich habe die Leute, die mich bespitzelten, unter ihnen ganz vorn ein Schweriner Autor, in den Akten auf einer Art dritten Ebene wieder getroffen." Und viel später begegnete er einigen auch im richtigen Leben wieder - "viele gebeugt" von der Last ihres Gewissens. "Schizophren", sagt Schacht. "Ihr müsst mit uns sprechen, wir sterben doch alle weg", habe einer zu ihm gesagt. Gemeinsam mit seinen ehemaligen Stasi-Spitzeln arbeitete Journalist und Buchautor Schacht seine und mit ihr die Geschichte der Stasi auf, unter anderem in seinem Buch "Vereister Sommer".

Am Wochenende berichtete er im voll besetzten Perzina-Saal der Stadtbibliothek gemeinsam mit seinem mittlerweile langjährigen Freund Heiko Lietz über Erinnerungen, Gefühle und seinen Umgang mit der Vergangenheit. Die Schweriner Außenstelle des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) und die Stadtbibliothek hatten zur Podiumsdiskussion eingeladen: "Wissen wie es war - 20 Jahre Einsicht in die Stasi-Akten". Schacht und Lietz hatten zu den Ersten gehört, die Einsicht in ihre Stasi-Akten nahmen, nachdem diese 1992 geöffnet worden waren.

"Irgendjemand fummelte an meinem Leben rum", sagt Lietz heute über die Zeit als Pastor in Güstrow und danach, als er sich in den 80er-Jahren freiwillig entschied, sein Kirchenamt abzugeben. Lietz litt unter einem "defusen Gefühl", aber viele Menschen, die ihn bespitzelt hatten, gingen daran kaputt. Das "Perfide" sei gewesen, dass nicht die Stasi aktiv geworden sei, sondern die Menschen um ihn herum, sagt der 69-Jährige. "Lehrer haben den Auftrag bekommen, einen Keil zwischen meine Kinder und mich zu treiben", erzählt er. 1987 dachte er kurzzeitig, er sei in Freiheit, als er nach Schleswig-Holstein fuhr. "Heute weiß ich, dass mein IM mich in Bad Kleinen an einen anderen IM übergab, der mich bis in den Westen begleitete", erzählt der Theologe. "Der Arm der Stasi reichte weit." Aber viele Inoffizielle Mitarbeiter (IM) der Stasi - 5000 sollen es in Schwerin gewesen sein - gerieten unfreiwillig in die Zange der Staatssicherheit. "Meine eigene ehemalige Verlobte sagte gegen mich aus, bevor ich ins Zuchthaus kam", sagt Schacht. Erst nach 1992 erfuhr er, dass sie erpresst worden war. Schacht habe sie nie wieder gesehen, aber für ihn sei sie aus dem heutigen Blickwinkel "das eigentliche Opfer gewesen".

Er und Lietz schauen auch dank der Stasiakten hinter die Spitzel. "Warum habt ihr das gemacht", fragt sich Lietz immer wieder und findet Antworten genauso wie Schacht. "Die Öffnung war ein grandioser Sieg der Menschlichkeit gegen ein unmenschliches System", sagt Letzterer. Die Auseinandersetzung mit den Stasiakten, sei für ihn eine hohe Form der ethischen Kultur. Dass die Menschen jemals vor so einem System gefeit seien, glaubt Schacht nicht. "Wir müssen mit der Gefahr leben, weil Menschen immer wieder neu geboren werden", sagt er.

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