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Schweriner Einzelhändler stöhnen : Die Nerven liegen blank

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die langen Bauarbeiten an der Wittenburger Straße belasten Händler - neuer Gleisverlegungs-Plan stößt auf wenig Gegenliebe

von
erstellt am 14.Apr.2016 | 20:45 Uhr

Wie viel Bauarbeiten verträgt Schwerin? Und wo ist die Grenze zwischen „nervig“ und „existenzbedrohend“? In der Wittenburger Straße haben die meisten Geschäfte inzwischen ihre Öffnungszeiten reduziert oder „Bauarbeiten-Pause“, wie beispielsweise die Stadtfleischerei Lange. Die Cocktailbar Phillies schloss im vergangenen Sommer. Eine SVZ-Umfrage vor Ort ergab: Die Umsatzeinbußen sind bei allen Anliegern enorm, reichen nach Aussagen der Betroffenen von 30 bis zu 90 Prozent. Jetzt könnten sich die Bauarbeiten sogar noch verlängern, falls zwischen Brücke und Marienplatz die Straßenbahngleise auf die andere Seite verlegt werden. Das würde den Verkehr am Wittenburger Berg sicherer und Gegenverkehr im Umleitungsfall möglich machen, so das Argument der Verwaltung. Rund 900 000 Euro soll die „große Variante“ kosten, 2017 begonnen und auch beendet werden.

Viele Hausbesitzer und Händler in diesem Bereich sind von der Idee überhaupt nicht begeistert. Sie fürchten um die Fundamente ihrer Gebäude und haben Angst vor weiteren Verlusten. „Uns ist es wichtig, dass die Straßenbahnen und Busse möglichst schnell wieder ihre alten Haltestellen anfahren“, sagt Heike Boese von den Schweriner Höfen. Die Kundenwege hätten sich während der Bauzeit dramatisch verändert, diverse Gewerbetreibende kämpften seitdem ums Überleben. Ob sie eine weitere Großbaustelle über ein weiteres Baustellen-Jahr finanziell verkraften, sei nicht sicher. „Vor allem sehen wir den Sinn in der Maßnahme nicht“, so Boese.

Uwe Lange, Inhaber der gleichnamigen Fleischerei, versteht vor allem nicht, warum die Straßenbauarbeiten in der Wittenburger Straße insgesamt so lange dauern. „Eine komplette Brücke über die Eisenbahn wird bei laufendem Verkehr in neun Monaten fertig und wir leiden hier unter der Baustelle seit März 2014“, sagt er. Im Sommer 2015 hat er seine Filiale in der Wittenburger Straße vorübergehend geschlossen. Entlassen musste er glücklicherweise niemanden. „Aber der Umsatz aus dem Laden fehlt natürlich.“

Das Café Ulrike hat seit Beginn der Brücken-Bauarbeiten sein Mittagsgeschäft eingestellt und öffnet um 16 statt um 11 Uhr. „Es kommen jetzt vor allem noch Stammkunden“, sagt Norbert Kähler. „Wir versuchen, uns durch Catering über Wasser zu halten.“ Sein Wunsch an die Stadt: Finanzielle Erleichterungen für die Anlieger, zum Beispiel durch Erlassen der Gewerbe- oder Grundsteuer während der Bauzeit. Eine Klage auf Entschädigung gegen die Stadt und einen langen Rechtsstreit möchte eigentlich kein Betroffener auf sich nehmen. Sie hoffen auf ein Entgegenkommen der Stadt.

Das Restaurant „Jack the Ribber“ verzeichne aktuell ein Minus von rund 75 Prozent, Raumausstatter Dieter Behnke habe fast seine komplette Laufkundschaft, vor allem ältere Leute aus Lankow oder vom Dreesch, verloren. An manchen Tagen betrete kein einziger Kunde das Geschäft. „Wir verkaufen auch Teppichboden, da fahren wir zu den Leuten“, sagt Sabine Behnke. „Außerdem arbeiten wir für die WGS. Ohne diese Aufträge hätten wir wahrscheinlich schon schließen müssen.“

Tätowierer Marcel Gack indes hat gut zu tun und Anmeldezeiten von einem halben Jahr. Nur die Laufkundschaft für Kleinigkeiten fehlt.

 

 

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