Cambs : Die Lust am Lesen wieder wecken

Mit dem Auto von Görslow nach Cambs:  Jeden Dienstagnachmittag fährt Sigrid Kowalski  zur Regionalen Schule, um  dort Schülern wieder  Freude am Lesen zu vermitteln.
Mit dem Auto von Görslow nach Cambs: Jeden Dienstagnachmittag fährt Sigrid Kowalski zur Regionalen Schule, um dort Schülern wieder Freude am Lesen zu vermitteln.

Sozialpädagogin Sigrid Kowalski gibt Schülern ab der fünften Klasse in Cambs Nachhilfeunterricht – in ihrer Freizeit

svz.de von
27. März 2014, 23:24 Uhr

„Der Dienstag ist mein Schultag“, sagt Sigrid Kowalski. „Der Nachmittag ist fest eingeplant. Das weiß meine Familie.“ Dann fährt die Görslowerin mit ihrem Auto nach Cambs zur Regionalen Schule und gibt außerschulischen Leseunterricht. Wobei Unterricht nicht ganz korrekt ist. Leseförderung trifft es eher, erklärt die 51-Jährige.

Drei Jungs betreut sie derzeit – generell einzeln oder in superkleinen Gruppen. Ihr Anliegen: Die Lesekompetenz stärken. Denn einige Schüler haben Probleme beim Lesen, stottern, sind demotiviert oder haben gar Anzeigen einer Leseschwäche. Und Sigrid Kowalski, von Beruf Sozialpädagogin, hat ihre ganz eigene Methode, ihnen dabei zu helfen. „Meine Erfahrung ist, dass Kinder heute viele, viele Erwartungen zu erfüllen haben. Wenn sie dann in der Familie noch mit Problemen konfrontiert werden – Scheidung zum Beispiel – kann es zu Blockaden bei den Kindern kommen. Zu Lernblockaden. Und die müssen wieder gelöst werden. Erst dann ist ein Kind bereit, sich wieder stärker aufs Lernen einzulassen.“

Für Sigrid Kowalski heißt das, zuhören zu können, Vertrauen aufzubauen. „Ich habe ja den Vorteil, keine Noten geben zu müssen.“ Mit einem Schüler hatte die Sozialpädagogin einmal gemeinsam ein Sorgenkästchen gebastelt. Dort hinein konnte er seine Sorgen, die er aufs Papier schrieb, legen. Er musste sie keinem erzählen, er wollte sie keinem erzählen, auch nicht Sigrid Kowalski. Dieses Kästchen war sein Geheimnis, das er sicher verwahrte. Aber er habe sich auf diese Weise mit seinem Problem auseinandergesetzt. „Eines Tages kam er an und hat mir gesagt, dass er von nun an kein Sorgenkästchen mehr braucht“, sagt sie. „Der Junge wirkte gelöster und fand beim Lesen auch wieder mehr Freude.“ Solche Momente bestärken Sigrid Kowalski, das Richtige zu tun.

Seit vier Jahren setzt sich die Görslowerin für die „Leseförderung“ an der Regionalen Schule in Cambs ein – ehrenamtlich. „Ich habe so eine Aufgabe für mich gesucht“, erzählt sie. Sie wohnt mit ihrem Mann in Görslow, beide betreiben einen landwirtschaftlichen Hof. „Wir haben einen Ackerbaubetrieb.“ Die drei Söhne sind aus dem Haus.

Auf einer Veranstaltung habe sie Lehrer der Cambser Schule kennen gelernt. Sie kamen ins Gespräch. „Ich habe angeboten, mich einzubringen.“ Erfahrungen in der Arbeit mit Kindern hatte sie. Sigrid Kowalski engagierte sich früher bei Ratzeburg in der Kinderkirche, gab Nachhilfe-Unterricht. Die Cambser Schulleiterin Heike Grimm habe das Angebot sofort angenommen. Sigrid Kowalski: „Wir haben das Ganze mit einem Handschlag besiegelt.“

Nach ihren Beweggründen gefragt, sagt 51-Jährige: „In der Grundschule sind die Kinder noch fröhlich, lernen gern. In den höheren Klasse wird es schon anders. Der Lernstoff wird umfangreicher, die Zeit knapper, der Leistungsdruck größer. Wenn sie sich dann noch mit familiären Sorgen auseinandersetzen müssen, darf man sich nicht wundern, dass einige Schüler nicht mehr mitkommen.“ In dieser Phase müsse man ihnen helfen.

Sigrid Kowalski selbst ist eine leidenschaftliche Leserin, das kommt ihr bei diesem Projekt nur bedingt zugute. Aber sie bereitet sich auf ihren wöchentlichen Schultag vor. Etwa bei ausgedehnten Spaziergängen mit den beiden Hunden. „Dann kann man seine Gedanken gut sortieren.“

In diesem Monat wurde Sigrid Kowalski für beispielhafte Jugendarbeit vom Landkreis Ludwigslust-Parchim ausgezeichnet.

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