Abriss in Schwerin : Die letzten Tage eines Wohnriesen

Rund 21 000 Tonnen Schutt fallen an, wenn der Zehnstöcker dem Erdboden gleichgemacht wird. Das Material geht in den Straßenbau.
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Rund 21 000 Tonnen Schutt fallen an, wenn der Zehnstöcker dem Erdboden gleichgemacht wird. Das Material geht in den Straßenbau.

Abriss des Lankower Hochhauses in der Eutiner Straße wird zum Ausflugsziel

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14. März 2018, 05:00 Uhr

Gebannt schaut Hannelore Malinowski auf den 44 Meter hohen Ausleger des Abbruchbaggers, der sich durch das Hochhaus in der Eutiner Straße frisst. Mit großem Getöse rauscht die nächste Wohnungswand in die Tiefe und zerbirst. „Zum Glück erlebt das mein Mann nicht mehr mit“, sagt die 79-Jährige, seufzt schwer und scheint ein wenig bekümmert. Ihr Gatte Wilfried, der vor drei Jahren verstorben sei, habe nämlich als Bauleiter alle Hochhäuser in Schwerin mitgebaut. „Dieser Anblick hätte ihn sicher traurig gemacht, obwohl er allem Neuen gegenüber sehr aufgeschlossen war.“

Seit die städtische Wohnungsgesellschaft Schwerin (WGS) am Montag damit begonnen hat, den ersten von drei Plattenbau-Zehngeschossern aus den 60er-Jahren mit insgesamt 855 Wohnungen abzutragen, reißt der Strom der Schaulustigen im Stadtteil Lankow kaum ab.

„Das ist schon sehr beeindruckend, wie schnell und scheinbar mühelos sich der 100 Tonnen schwere Groß-Bagger Etage für Etage durch das Gebäude arbeitet“, bekennt Klaus Schimale. Er selber habe 32 Jahre lang in dem Hochhaus Plöner Straße gewohnt, also fast nebenan, das ebenso wie jenes in der Julius-Polentz-Straße dem Erdboden gleichgemacht werden soll. „Es hat sich gut gewohnt in dem Hochhaus, nur nach der Wende ist das Umfeld hier etwas problematisch geworden“, berichtet der 78-jährige Schweriner. Ein solches Spektakel könne er sich doch nicht entgehen lassen, sagt Eberhard Köhn, der seit September 2017 in Lankow wohnt.

Einige Meter weiter filmt Angret Benz mit dem Handy. „Ich halte den Abriss für meine Kinder fest“, erklärt die 72-Jährige, die seit 1970 in Lankow zu Hause ist. „Die drei Hochhäuser gehören für mich zum Stadtbild. Damals hier eine Wohnung abzubekommen, hatte Seltenheitswert“, betont die gebürtige Schwerinerin. Und ist vom Wohnriesen fasziniert. „Das wirkt alles so, als sei es für die Ewigkeit gebaut.“

Apropos bauen: Jürgen Marquardt, Ur-Lankower seit 1964, schaut ebenfalls vorbei. „Ich habe den Bau aller Hochhäuser in diesem Stadtteil miterlebt“, erzählt der 74-Jährige, dessen Wiege in Ostpreußen stand. „Das bunte Papageien-Haus in der Rahlstedter Straße gefällt mir aber nicht. Ist einfach nicht mein Fall.“

Auf den Film-Geschmack gekommen ist derweil eine Handvoll neuer Beobachter, die mit Kameras und Smartphones das Geschehen dokumentieren. Dass sie dabei den nötigen Sicherheitsabstand einhalten, überwacht Norbert Pfeiffer, Abteilungsleiter beim Entsorgungsunternehmen Otto Dörner. Er zeigt stolz auf den Bagger. „Das ist ein Cat 385 mit Combi-Cutter. Der zerkleinert Beton und kann mit 380 bar Druck auch Stahl schneiden“, erklärt der 46-Jährige. Von Anwohnern habe die Firma bereits viel Lob erhalten für die tadellose Organisation und Sauberkeit auf und an der Baustelle. „Ich denke, dass wir für den Block etwa sechs Wochen brauchen.“

Während in anderen Städten des Landes keine Plattenbauten mehr abgerissen werden, hat sich die WGS gegen eine Sanierung der drei Zehngeschosser mit ihren Ein- bis Zweiraumwohnungen entschieden. Die wäre zu teuer, heißt es aus dem Unternehmen. Bis Sommer sollen die nächsten beiden Hochhäuser gefallen sein. Sicher werden diese Abrisse auch wieder viele neugierige Beobachter anlocken.

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