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Zeitung für die Landeshauptstadt

22. Oktober 2017 | 08:44 Uhr

Vortrag in Görslow : Die Bauern im Fokus der Stasi

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Historiker erklärt Einfluss des Ministeriums für Staatssicherheit auf die Landwirtschaft und zeigt Fallbeispiele aus dem Schweriner Umland

von
erstellt am 14.Aug.2017 | 12:00 Uhr

Mehr als 10 000 Seiten hat Dr. Michael Heinz in den vergangenen Monaten gesichtet, ausgewertet und seine Erkenntnisse jetzt für einen Vortrag zusammengefasst. Zum größten Teil waren es Stasi-Akten und Aufzeichnungen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), die in der Außenstelle der Bundeszentrale für Stasiunterlagen (BStU) in Görslow aufbewahrt werden. Am Sonnabend rückte der Historiker die „Überwachte Landwirtschaft im Bezirk Schwerin“ in den Fokus und berichtete nicht nur über die allgemeinen Probleme der Zwangskollektivierung, sondern erzählte auch von Einzel-Schicksalen aus dem Schweriner Umland. So fand er umfangreiches Material zu einem Mann, der zu NS-Zeiten in mehreren Konzentrationslagern interniert war und 1945 einen Hof am Schweriner See übernahm. Dieser „Bauer Wilhelm“ rückte schnell ins Visier der Stasi, hatte jedoch einen Fürsprecher: Franz Siegbert Unikower. Beide lernten sich im Lager kennen und ihre Wege kreuzten sich wieder bei Schwerin. Wilhelm wurde Bauer, übernahm 22 Hektar Land und Unikower wurde Vorsitzender des Strafsenats. Später sogar Mitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland. Bauer Wilhelm teilte schnell seinen Hof in zwei Teile und gab einen an seine Haushälterin ab, um so das Ablieferungssoll gering zu halten. Das blieb vom MfS nicht unbemerkt. Dafür sorgte Bauer Kramer, der sich 1954 verpflichtete und auch andere Informatoren anleitete. Kramer lenkte zudem die Geschicke von Görslow als kommissarischer Bürgermeister und bekam einen Vorsitz in einer LPG. Regelmäßig wurde Bauer Wilhelm von ihm überwacht. Der Verdacht, der Görslower würde Lebensmittel schwarz verkaufen, stand im Raum. 1956 musste er sich dazu gegenüber dem Rat des Kreises erklären. „Der Druck auf Wilhelm wurde immer größer, er beteiligte sich schließlich an der LPG Typ 1“, erzählt Dr. Michael Heinz. Aber auch dort, so Heinz weiter, wurde Bauer Wilhelm nicht glücklich. Im Mai 1956 floh er schließlich in den Westen.

Dass Verstöße gegen die vom Staat vorgegebenen Produktionsweisen auch anders ausfallen können, erklärte der Historiker am Fall eines Schweinebauern. „Seine Liebe galt der individuellen Haltung. Er hatte mehr als 30 Schweine privat gemästet, als er verhaftet wurde“, erzählte der Historiker. 1959 hatte der Bauer mit 2 Rindern, 40 Hühnern, 15 Gänsen, 10 Enten, 3 Schafen und 15 Schweinen begonnen. Dann nach und nach aufgestockt. Unter der vielen Arbeit mit dem Vieh zu Hause litt jedoch sein Wirken innerhalb der LPG. Und nicht nur das. Auch das nötige Futter beschaffte sich der Bauer zum Teil im Betrieb. Das fiel schnell auf und brachte ihm fünf Jahre Zuchthaus ein.

Wohl noch stundenlang hätten die mehr als 30 Besucher dem Vortrag in Görslow lauschen und vor allem auch viel selbst Erlebtes beisteuern können. Doch alles habe einmal ein Ende, sagte Corinna Kalkreuth, Leiterin Außenstelle des BStU. „Wir freuen uns sehr, dass die Veranstaltung so gut angenommen wird und hoffen, dass auch beim nächsten Vortrag das Interesse wieder groß ist“, betont sie und verweist auf den nächsten Vortrag am 16. September. Dann geht es um die Zwangsaussiedlungen an der innerdeutschen Grenze.

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