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Zeitung für die Landeshauptstadt

25. November 2017 | 07:00 Uhr

Radspur in Schwerin : Die Angst fährt bei vielen mit

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Radstreifen auf dem Obotritenring hat nicht viel gekostet und ist nur ein Angebot – trotzdem sorgt er für Verwirrung

von
erstellt am 17.Jun.2016 | 05:00 Uhr

Viele versuchen es – und viele geben wieder auf: der neue, 1,50 Meter breite Radschutzstreifen auf dem Obotritenring stößt eine Woche nach seiner Freigabe auf wenig Gegenliebe. Radfahrer zögern, Fußgänger schütteln den Kopf, Autofahrer haben das mulmige Gefühl, dass jederzeit von irgendwoher ein Radfahrer auf die Straße kommen könnte, die bisher ihnen allein gehörte. SVZ bezog Position am Straßenrand.

Irmtraud Kallweit ist die erste, die uns an der Kreuzung Lessingstraße begegnet. Sie ist auf dem Weg in den Garten. Aber gerne steigt sie kurz ab vom Rad und schildert ihren ersten Eindruck von der neuen Verkehrsführung: „Natürlich wollte ich den Radstreifen gleich ausprobieren. Aber schon nach wenigen Metern hatte ich wirklich Angst, dass mir der Hintern abgefahren wird“, sagt sie in einer Mischung aus Erschrecken und Erleichterung. Denn ziemlich schnell rettete sie sich auf den „sicheren“ Gehweg, der von Radlern weiterhin mit benutzt werden darf. Tatsächlich machen die meisten Pedalritter von dieser Möglichkeit regen Gebrauch. Und: Probleme mit Fußgängern gibt es entlang des Obotritenrings so gut wie keine. Gab es auch nie, sagt Irmtraud Kallweit, die auf dieser Strecke schon seit vielen Jahren unterwegs ist. „Der Schutzstreifen ist völlig unnötig und reine Geldverschwendung“, meint sie. „Mit den Mitteln hätte man lieber an vielen Stellen in Schwerin die Bürgersteige in Ordnung bringen sollen.“

Diverse Radfahrampeln, Hinweisschilder, Fahrbahnmarkierungen, neue Rechtsabbiegerpfeile an den Ampel Wittenburger- und Lessingstraße sowie eine neue Grüne Welle für Tempo 50 auf dem Obotritenring – das alles habe es zum Schnäppchenpreis von rund 50 000 Euro gegeben, sagt Baudezernent Bernd Nottebaum auf SVZ-Nachfrage. „Ich glaube, viele Bürger haben die Sorge, dass das deutlich teurer war.“

Rechtsanwalt Joachim Poscher ist zwar nur zu Fuß unterwegs entlang des Obotritentrings, er kann Irmtraud Kallweit aber nur zustimmen. „So viele Radler fahren hier nicht, der Gehweg ist breit genug. Die neue Regelung finde ich kreuzgefährlich. Vor allem wenn Autos rechts abbiegen, zum Beispiel in die Lessingstraße, habe ich hier schon manch brenzlige Situation erlebt. Die Autofahrer sehen die Radler neben sich einfach nicht.“ Dass noch kein Unfall passiert ist, wundere ihn. Joachim Poscher ist auch im Vorstand des Allgemeinen Automobilclus Europa (ACE), Kreis Westmecklenburg. „Auch aus Sicht des ACE würde ich sagen, dass das hier keine gute Verkehrslösung ist.“

Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub und die Bundesverkehrspolitik sehen die Unfallgefahr jedoch eher auf den Gehwegen als auf der Straße, kontert Nottebaum. „Vor allem an Hauseinfahrten kommt es häufig zu Zusammenstößen. Die langjährige Auswertung der Unfallzahlen ergibt: Radler fahren sicherer auf der Straße.“

Eine Dame, die auf dem Obotritenring direkt neben einem großen Laster halten muss, sieht das in diesem Moment eher anders. Ihre Miene zeigt Verunsicherung. Zwar müsste der Laster entweder hinter ihr oder in großem Abstand an ihr vorbeifahren, aber ein ungutes Gefühl bleibt offenbar. Deshalb stehe der Bürgersteig weiter allen Radlern zur Verfügung, betont Nottebaum. „Wir geben ihnen am Obotritenring jede Möglichkeit.“

Die Idee ist übrigens so alt, dass viele Schweriner sie wohl schon vergessen hatten. Sie ist der Kompromiss im Streit um Tempo 30 auf dem Ring. 2013 entschied sich die Stadtvertretung für diese Variante.

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