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Zeitung für die Landeshauptstadt

19. September 2017 | 13:45 Uhr

Wildschweine : Des Wildes Freud, des Jägers Leid

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wildschadensausgleichskasse bezahlt jährlich mehrere Zehntausend Euro

von
erstellt am 29.Jul.2017 | 16:00 Uhr

Das Büfett ist angerichtet, sagt René Witkowski. Der Wessiner Jäger stapft mit großen Schritten durch den Weizenschlag. Er  ist auf der Suche  nach Wildschäden. Lange muss er nicht Ausschau halten. „Hier, alles abgefressen, und das bleibt dann übrig“, sagt er und hält etwas Gewölleartiges  in der Hand.  Es sind die zermahlenen Weizenhalme, die Körner hat sich das Wildschwein schmecken lassen. Gerade bei dieser Witterung sei es nicht eindeutig, ob das Wild oder das Wetter für liegendes Getreide verantwortlich ist. „Da müssen wir schon genau hinschauen, und das machen manche Landwirte  auch“, sagt Witkowski mit einem Augenzwinkern.

Ein Fall, wo weder er noch der Landwirt lange überlegen müssen, ist nur wenige Schritte von der Leitspur entfernt. Ein großes braunes Erdloch. Der Weizen ist komplett abgebrochen, der Ackerboden durchwühlt. „Das ist definitiv ein Wildschaden, eine echte Schweinerei“, erklärt der 34-Jährige. Momentan würde sich das Wild  im Raps oder im Mais aufhalten und dann in den Weizen ziehen, um zu fressen.  Der Mais stehe wohl, so Witkowski, erst in einigen Tagen, wenn nicht sogar Wochen, auf der Speisekarte der Schwarzkittel. „Erst wenn er in der sogenannten Milchreife ist“, erklärt der Jäger.

Nur wenige Kilometer weiter recken sich die grünen Maispflanzen meterhoch in den blauen Abendhimmel. An wenigen Stellen sind einzelne  abgeknickt. „Hier waren die Schweine, sie haben mal probiert“,  sagt der Wessiner.  Zu sehen sei das an den angefressenen Kolben. Doch es bleib bei wenigen Bissen. „Der Mais schmeckt ihnen noch nicht, aber er ist für sie ein idealer Rückzugsort und das Schlimme: Es werden von Jahr zu Jahr mehr Schweine“, so sein Fazit.

 

Auf einen Blick
Aufgaben der Ausgleichskasse

•  Sie ist eine Körperschaft des    öffentlichen Rechts

•  Sie gleicht durch Rot-, Dam-    und Schwarzwild entstandene Wildschäden aus und legt diese auf die Mitglieder um

•  Sie arbeitet kostendeckend

•  Gesetzliche Mitglieder sind Jagdgenossenschaften, Eigentümer eines Eigenjagdbezirkes, Pächter eines Jagdbezirkes, Landwirte mit einer Nutzfläche von mindestens 75 Hektar

•  Es sind auch freiwillige Mitgliedschaften möglich, bspw. Landwirte mit weniger als 75 Hektar Nutzfläche

•  Wildschäden können bis zu 90 Prozent von der Kasse getragen werden

 

Ob  Witkowski am Ende des Jagdjahres tiefer in die Tasche greifen muss? „Das kann man wirklich nicht sagen, aber eines ist klar, die Zahl der zu zahlenden Schäden ist gestiegen.“ Ob die Zahl der Wildschäden an sich proportional dazu gewachsen ist, lässt er unbeantwortet und schmunzelt. Die Jagd sei  eben Passion und auch mit nicht geringen Kosten für den Ausübenden verbunden. Ob die Verteilung zwischen Landwirten und Jägern dabei gerecht ausfällt, darüber, so Witkowski, habe jeder eine andere Auffassung. „Ich denke aber, dass jeder Jäger sein Möglichstes tut, um die Wildschäden gering zu halten. Aber es ist eben auch Natur“, ergänzt er. Und die  Tiere hätten neben Hunger  einen sehr fein ausgeprägten Geschmackssinn.

Dass bei allen Bemühungen von Seiten der Waidmänner ein Schaden nicht unumgänglich ist, zeigen die aktuellen Zahlen: „Im Landkreis Ludwigslust-Parchim betrug der durch Wild entstandene Schaden im Jagdjahr 2016/17  rund  81 600 Euro“, sagt  Jürgen Behrends, Vorsitzender der Wildschadensausgleichskasse. Ausgezahlt habe die Kasse rund 40000 Euro,  denn die Schäden werden von ihr nur zu einem bestimmten Prozentsatz übernommen. Dieser liegt bei maximal bei 90.    Allein mehr als 70 Prozent der Schäden, so Behrends, gingen auf das Konto des Schwarzwildes und beschränkten sich größtenteils auf die Maisanbauflächen. Im benachbarten Nordwestkreis ist das Schadensverhältnis ähnlich, allerdings die eigentliche Zahl geringer. „Es gab  Wildschäden in Höhe von rund  27000 Euro und die Kasse hat   knapp 22000 Euro übernommen“, sagt Harald Nehls von der Wildschadensausgleichskasse. Er sieht ebenfalls im großflächigen Maisanbau ein Problem. Es stellt sich für ihn  die Frage, ob Mais für Biogasanlagen nicht als Industrieprodukt anzusehen sei. „Der Jäger muss für Schäden auf landwirtschaftlichen Flächen aufkommen. Ist Mais für die Biogasanlage ein Lebens- oder Futtermittel?“, fragt Nehls. Dies sei, so der Jäger, eine Frage, die in naher Zukunft noch für Zündstoff sorgen werde. Vielleicht aber auch  nicht. „Wenn die Afrikanische Schweinepest hier ankommt,  haben unsere Jäger ganz andere Probleme. Dann wird es weniger Schaden auf den Flächen geben, doch die Sorgen damit werden nicht kleiner“, betont er. Auch René Witkowski hat Bedenken bei der drohenden Seuche. „Wenn die ausbricht,  wird es richtig brenzlig.“ 

Doch jetzt richtet der Wessiner sein Augenmerk auf den zu vermeidenden Wildschaden und wird in den nächsten  Nächten auf der Pirsch sein. Denn nur das  helfe, den Schaden gering zu halten. Und deshalb geht es heute Abend  wieder raus, um Wildschweine und Co. ins Visier zu nehmen.

 

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