Schwerin : Der teure Weg zum Grab

Die Schrankenanlage regelt am Eichenweg des Waldfriedhofes die flexible Zufahrt – ähnlich wie auf einem Parkplatz.
Die Schrankenanlage regelt am Eichenweg des Waldfriedhofes die flexible Zufahrt – ähnlich wie auf einem Parkplatz.

Ohne Ausweis keine Karte: Neuregelung der Zufahrt auf den Waldfriedhof finden einige Angehörige ungerecht

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23. April 2018, 05:00 Uhr

Die Schranke am Eingang des Waldfriedhofs hat dafür gesorgt, dass statt früher 240 Fahrzeuge heute nur noch knapp 100 Fahrzeuge täglich über den Ruheort rollen. Denn wer jetzt kostengünstig auf den Friedhof möchte, braucht dazu eine Chipkarte. Die bekommt er, wenn er einen Schwerbehindertenausweis vorlegen kann. Alle anderen müssen pro Einfahrt fünf Euro bezahlen. Auch für Senioren, die krank oder schlecht zu Fuß sind, wird keine Ausnahme gemacht.

Ein Fallbeispiel zeigt, wie schwierig die Lage ist: Seitdem ihr Mann vor einigen Jahren verstarb, besaß eine heute 74-Jährige eine Jahreskarte für den Waldfriedhof, die es ihr ermöglichte, zum Grabfeld der Familie mit dem Auto zu fahren. Die Seniorin kann aufgrund mehrerer Erkrankungen nicht mehr gut gehen. Nun ist die alte Karte abgelaufen. Eine Chipkarte bekommt sie laut neuer Friedhofsverordnung nicht, weil sie keinen Schwerbehindertenausweis besitzt. Die Strecke vom Eingang bis zum Grab ist rund 600 Meter lang, hügelig und für einen Fußmarsch zu lang. Bänke zum Ausruhen gibt es auf dem Weg kaum. Möchte sie einmal die Woche auf den Waldfriedhof fahren, um dem geliebten Verstorbenen nahe zu sein, müsste die Rentnerin dafür nun 260 Euro pro Jahr zahlen.

Sie glaubt, dass sie mit diesem Problem nicht allein dasteht. Viele ältere Menschen seien zwar körperlich beeinträchtigt, besäßen aber keinen Schwerbeschädigtenausweis, der beim Versorgungsamt beantragt werden muss und eine Behinderung von mehr als 50 Prozent bestätigt. Die 74-Jährige will nicht nur klagen, sie hat auch Vorschläge, wie hier Abhilfe geschaffen werden könnte. Eine wäre die Staffelung der Zufahrtsgebühren: Wer nur kurz bleibt, zahlt beispielsweise einen Euro. Die andere Variante wäre, einen Behindertengrad auch unter 50 Prozent für die Chipkarte zu akzeptieren oder ein entsprechendes Attest vom Hausarzt. Ein weiterer Vorschlag stammt aus einem Ort im Saarland: Dort dürfen Menschen älter als 75 Jahre mit dem Auto auf den Friedhof. Die Stadtwirtschaftlichen Dienstleistungen halten an der aktuellen Lösung fest. Für Bürger ohne Schwerbehindertenausweis gäbe es nur die Möglichkeit, die Gebühr von fünf Euro pro Auffahrt zu zahlen. „Die Regelung wurde mit dem Behindertenbeirat entwickelt und mit dem Seniorenbeirat einvernehmlich abgestimmt“, heißt es auf SVZ-Nachfrage. Außerdem käme man den Schwerinern ohnehin schon entgegen: Auf den wenigsten Friedhöfen sei das Befahren mit privaten Fahrzeugen überhaupt erlaubt.

Die Schwerinerin hofft auf eine erneute Diskussion in der Stadtpolitik. An den Seniorenbeirat hat sie sich schon gewandt. Emotionslos und kühl habe er ihr geantwortet, dass da nichts zu machen sei. Davon ist die Seniorin sehr enttäuscht: „Ich frage mich, ob sich der Beirat überhaupt in die Mentalität eines älteren Menschen hineinversetzen kann.“

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