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Gutachter Christian Strohmeyer testet Naturwaren-Läden : Der Schnüffler im Bio-Regal

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Wenn Christian Strohmeyer ein Geschäft betritt, dann erscheint er wie ein ganz normaler Kunde. Ein bisschen skeptisch vielleicht, ein Mann mit kritischem Blick, der Äpfel, Broccoli und Kartoffelnunter die Lupe nimmt.

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erstellt am 10.Feb.2013 | 05:38 Uhr

Paulsstadt | Wenn Christian Strohmeyer ein Geschäft betritt, dann erscheint er wie ein ganz normaler Kunde. Ein bisschen skeptisch vielleicht, ein großer Mann mit kritischem Blick, der Äpfel, Broccoli und Kartoffeln sehr genau unter die Lupe nimmt. Auffallend lange schaut er auf die kleinen Schildchen, die erklären, wo die Produkte herkommen, wie sie heißen. Der Preis interessiert ihn weniger. Im Regal mit Reis und Linsen nimmt er eine Packung heraus, schaut nach, ob in den hinteren Reihen alles ordentlich steht. Dann schweift sein Blick über die Wände, als ob er die Farbe kontrolliert oder Risse im Putz sucht. Und genau das macht er in diesem Moment auch. Denn Christian Strohmeyer ist kein normaler Kunde, sondern ein vom Naturkost-Verband bestellter Gutachter. Er besucht Bio-Märkte und entscheidet letztlich, ob ein Laden das große Naturkost-N als Qualitäts-Siegel weiter tragen darf. In Schwerin war Strohmeyer jetzt im Bio markt Karo in der Lübecker Straße auf Visite. Besitzerin Christiane Rost lud SVZ mit ein.

Wer glaubt, dass so ein Prüfer an Tomaten herumdrückt, Äpfel wiegt, am Tee schnuppert oder sich meterlang Käse und Wurst aufschneiden lässt, der irrt. Statt mit Lupe, Waage oder Probendöschen ist Strohmeyer mit einem Klemmhefter unterwegs. Denn die Prüfung eines Laden besteht zum großen Teil aus der Sichtung von Papieren. Bestellungen, Herstellernachweise, Zertifikate interessieren ihn. Denn nur weil Oma Müller ihre Hühner mit Namen kennt und ihnen nur das allerbeste Futter gibt, dürfen ihre Eier im Fachhandel noch längst nicht als geprüftes Bioprodukt verkauft werden. Davor hat der Gesetzgeber eine eingehende Prüfung gesetzt, an deren Ende ein Bio-Siegel steht, das dann für den Kunden gut sichtbar an jedem Produkt prangt. Da so eine Prüfung leider eine ganze Menge kostet und sich ein "Kleinsterzeuger" wie Oma Müller das nicht leisten kann, sind ihre Eier in den vergangenen Jahren aus den Regalen vieler Naturkost-Bio-Märkte verschwunden. Christian Strohmeyer findet das zwar schade, doch nur die aufwendigen und teuren Prüfungen würden den Kunden langfristig Qualität garantieren. Wie dann aber vor einiger Zeit Dioxin in Bio-Eier gekommen ist, das kann sich der Experte wirklich nicht erklären.

Er selbst achtet bei seiner Prüfung des Karomarktes darauf, ob alle der rund 5000 Produkte wirklich ein anerkanntes Bio-Siegel haben. Neu ist für ihn dabei die Drogerie-Abteilung, denn dieses Sortiment wird erst seit Kurzem zertifiziert. Insgesamt 13 verschiedene Siegel hat Strohmeyer für diesen Bereich auf seiner Liste, fünf von ihnen tauchen besonders häufig auf. Und wenn ein Shampoo, Gesichtswasser oder Deostift nun nicht zertifiziert ist? "Dann muss es raus aus dem Regal oder der Laden bekommt unser Naturkost-Siegel nicht", sagt Strohmeyer. Die Regeln sind streng.

Knapp vier Stunden hat sich Strohmeyer für den Karomarkt in Schwerin Zeit genommen. Am Abend geht es weiter nach Oldenburg in Holstein. Strohmeyer selbst lebt in der Eifel und ist deutschlandweit als Gutachter für den Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) unterwegs. Der Verband mit Sitz in Berlin hat seine Wurzeln in den 80er-Jahren, er vertritt heute die Interessen der Naturkostbranche auf politischer und wirtschaftlicher Ebene. Der Verband ist an der Gestaltung internationaler und nationaler Gesetzesvorhaben beteiligt, beispielsweise an der Weiterentwicklung der EU-Öko-Verordnung. Christian Strohmeyer kennt mittlerweile viele unterschiedliche Läden - die hellen, gut sortierten genauso wie die mit den Rissen an den Wänden, schlecht gefüllten Regalen oder grimmigen Verkäufern. In Schwerin ist Strohmeyer des Lobes voll: Alles bestens, Zertifikat wird erneuert. Ganz privat hat er sich noch ein Zipfelchen regionaler Leberwurst mitgenommen. "Überall in Deutschland kann man besondere Spezialitäten probieren", sagt er und schwärmt von vielen verschiedenen Käsesorten, ungewöhnlichen Äpfeln - und Blattläusen an Salaten, die zeigen würden, dass hier keine chemische Keule am Werk war.

Der Karomarkt könne getrost so weitermachen wie bisher, sagt Strohmeyer, und müsse sich auch nicht vor den Standard-Bioregalen in Supermärkten fürchten. Denn besondere Vielfalt und erstaunliche Geschmackserlebnisse liefere eben vor allem der kleine Laden nebenan. Immer mehr Kunden wüssten genau das zu schätzen. Christiane Rost kann dem nur zustimmen: Etwa fünf Prozent mehr Umsatz mache sie jedes Jahr. Und wenn gerade wieder ein Lebensmittel-Skandal das Land heimsucht, dann boomt der Laden richtig.

Was ist drin, wo „bio“ draufsteht?

Das Bio-Siegel kennzeichnet Produkte aus ökologischem Landbau und ist an die Einhaltung gewisser Standards geknüpft: Die Lebensmittel dürfen zur Konservierung nicht ionisierender Strahlung ausgesetzt und nicht mit gentechnisch veränderten Organismen erzeugt werden. Der Einsatz von synthetischen Pflanzenschutzmitteln ist verboten ebenso wie leicht löslicher mineralischer Dünger. Bio-Produkte sollen keine Geschmacksverstärker, künstliche Aromen, Farbstoffe und Emulgatoren enthalten. Die Einfuhr von Rohwaren und Produkten aus Drittländern wird streng kontrolliert. Es werden Mindeststall- und -freiflächen vorgegeben. Tiere sollen mit ökologisch produzierten Futtermitteln ohne Zusatz von Antibiotika und Leistungsförderern gefüttert werden.


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