"Der schlimmste Tag in meinem Leben"

<fettakgl>Nichts ist mehr</fettakgl> wie es war für Kathleen,  nachdem ihr Verlobter erstochen wurde.<foto> Reinhard Klawitter</foto>
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Nichts ist mehr wie es war für Kathleen, nachdem ihr Verlobter erstochen wurde. Reinhard Klawitter

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19. Juni 2012, 12:04 Uhr

Schwerin | Als Kathleen* am Morgen des 10. Dezember die weiträumige Absperrung an der Kreuzung sieht, wundert sie sich kurz. "Wohl wieder ein Unfall", denkt sie leichthin.

Dann sind ihre Gedanken erneut bei ihrem Verlobten. Der war am Abend zuvor auf der Weihnachtsfeier seiner Firma. Nach Mitternacht, als sie so ein unruhiges Gefühl beschlich, hatte sie ihn auf dem Handy angerufen. Er nahm nicht ab, er rief auch nicht zurück. Das passte nicht zu ihm.

Gerade heute, wo er doch Geburtstag hatte. Jetzt ist sie auf dem Nachhauseweg von der Frühschicht. Sie nimmt die Polizei wahr und auch die Schaulustigen rund um die Tankstelle im Schweriner Plattenbaugebiet Mueßer Holz.

Dann kommt sie zu Hause an. Uwe* ist nicht in der Wohnung. Dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Polizeiabsperrung und Uwes Schweigen, dringt erst allmählich in ihr Bewusstsein. Begriffen, was passiert ist, hat sie bis heute nicht.

Irgendwann an diesem Tag, an dem sie gemeinsam Uwes 32. Geburtstag feiern wollten, steht die Polizei vor der Tür. Wortfetzen dringen ins Ohr und bleiben dort hängen: Messer. Erstochen. Uwe im Krankenhaus. Nicht überlebt. "Das war der schlimmste Tag in meinem Leben", sagt sie in der Rückschau und meint es genau so.

Später werden ihr persönliche Gegenstände übergeben. Seine Kette. Sein Verlobungsring. Der 15. April 2013, das hatten sie zusammen festgelegt, sollte der schönste Tag in ihrem Leben werden. Ein Tag, auf den sie sich freuten. Da wollten sie heiraten. Der gemeinsame Plan - mit einem Messerstich zunichte gemacht?

"Erst als ich die Sachen in der Hand hielt, habe ich realisiert, dass Uwe nie wiederkommt", sagt die 27-Jährige. Doch wie wird man fertig mit so einem Schicksalsschlag? Warum gerade Uwe? Der Mann, den sie so gut kannte wie kaum jemand anderen. Der lieber jedem Streit aus dem Weg ging? Bohrende Fragen.

Kathleen will wissen, was passiert ist. Die Öffentlichkeit auch. Schließlich ist ein Mensch auf offener Straße getötet worden, mitten in Schwerin. Polizei und Staatsanwaltschaft geben schon bald nach der Tat erste Informationen heraus. Ein 17-Jähriger sei noch am Tattag festgenommen worden, heißt es in den Berichten. "Offenbar aus nichtigen Gründen" soll er mit dem 32-Jährigen an jenem Samstagmorgen an der Tankstelle zunächst verbal aneinandergeraten sein. Als sich der Ältere abwendet und geht - so werden die Ermittler wiedergegeben - sei ihm der Jugendliche gefolgt und habe zugestochen.

Direkte Tatzeugen gibt es nicht. Als Tatzeit wird 2.00 Uhr morgens angegeben. Der 17-Jährige habe den Messerstich gestanden, teilte die Staatsanwaltschaft den Journalisten mit. Und auch, dass der Tatverdächtige nun in Untersuchungshaft sitzt.

Kathleen sucht sich Beistand bei Menschen, denen sie vertraut. Bei ihrer Freundin. Und bei Micha, dem besten Freund von Uwe, auf den sie sich bis heute verlassen kann. Er gehört zu den ersten, denen sie fünf Wochen nach der Tat die nächste schicksalhafte Nachricht anvertraut. Eine Nachricht, die sie selbst beinahe umhaut: Kathleen ist schwanger. In der 9. Woche. Sie wird ein Kind haben, das seinen Vater nie kennenlernen wird. Das sie allein aufziehen muss. "Ich war geschockt", sagt sie. "Wie soll ich das bloß schaffen?" Der Gedanke sei ihr im ersten Moment im Kopf herum geschwirrt. "Doch dann wurde der Wunsch ganz stark, es unbedingt zur Welt zu bringen. Es zu beschützen".

Auch Uwes Mutter brauchte erstmal eine Weile, ehe sie die Nachricht verarbeiten konnte. "Es war zuerst wie ein 2. Schock", sagt die Frau. "Schließlich lebte mein Kind nicht mehr. Jetzt bleibt was von Uwe", so sieht sie es heute. Kathleen nennt sie "meine Schwiegertochter".

Mutter und "Schwiegertochter" sehen sich in diesen Tagen häufiger. Sie geben sich gegenseitig Kraft. Das ist nötig, weil die Tat, die ihr Leben auf so brutale Art veränderte, nun wieder ganz nah in ihr Bewusstsein rückt. Schließlich läuft am Schweriner Landgericht gerade der Prozess gegen den 17-jährigen mutmaßlichen Täter. Totschlag wird ihm vorgeworfen. Und weil er mit 17 Jahren noch jugendlich ist, bleibt die Öffentlichkeit draußen. Auch Kathleen darf der Verhandlung nicht folgen. Als Verlobte wurde sie als Nebenklägerin nicht zugelassen. Uwes Mutter und Schwester aber dürfen im Gerichtssaal dabei sein.

Rechtsanwältin Christine Habetha vertritt sie im Prozess. Vermittelt durch den Opferschutzverein Weisser Ring, der auch Kathleen zur Seite steht. Christine Habetha weiß, wie wichtig es für Angehörige ist, Näheres zu den Umständen der Tat zu erfahren. Zu erfahren, wie der Angeklagte tickt. Um irgendwie begreifen zu können, warum ein Mensch nicht mehr lebt. Und auch um zu sehen, dass so ein Verbrechen juristisch geahndet wird. Das gehöre zur Verarbeitung dazu. Nun hat sich der Gesetzgeber etwas dabei gedacht, über Jugendliche in nicht-öffentlichen Prozessen zu verhandeln. Hier steht der Erziehungsgedanke im Vordergrund. Schließlich soll der junge Straftäter nach seiner Entlassung noch die Chance auf ein möglichst gesetzestreues Leben haben. Allzu viele Schlagzeilen könnten da schaden. Doch bei Angeklagten, die älter als 16 Jahre alt sind, könne man schon darüber nachdenken, die Öffentlichkeit wenigstens "eingeschränkt" zuzulassen, regt Rechtsanwältin Christine Habetha an. Bei Anklageverlesung und Urteilsspruch könne sie sich das durchaus vorstellen. Zumindest bei solch brutalen Verbrechen, die schon im Vorfeld großes Aufsehen in der Öffentlichkeit erregten. Für Angehörige sei es oft belastend, wenn der Prozess so gar keine Beachtung findet.

Das sehen auch Kathleen und Uwes Mutter so. "Sonst denkt doch keiner mehr darüber nach, was in dieser Nacht passieren konnte", erklären sie, warum sie wollen, dass Uwes Tod und die Umstände, die dazu führten, nicht in Vergessenheit geraten. In diesem Prozess sagt der Angeklagte bislang nichts zur Tat, hat Kathleen erfahren. Zwei Messerstiche haben Uwe getroffen, einer davon tödlich. Er habe sich einen Kaffee holen wollen in der Nacht an der Tankstelle. "Was hat ein 17-Jähriger da mit einem Messer in der Tasche zu suchen?", fragt sie.

Sie selbst hat als Zeugin ausgesagt. Um zu beschreiben, was für ein Mensch Uwe war. Und auch, wie das Weiterleben ohne ihn ist. Das Gericht will sich ein vollständiges Bild machen, um zu einem gerechten Urteil zu kommen.

Gerecht aus juristischer Sicht. Denn, das ist Kathleen schon klar, keine Strafe kann ihr den Mann zurückgeben. Dem mutmaßlichen Täter im Gericht gegenüber zu stehen, das sei ihr schwer gefallen, sagt sie. Aber sie wollte es unbedingt. Das sei sie Uwe schuldig. Und seinem Kind. "Schließlich", so erklärt sie, "muss ich unserer Tochter mal Rede und Antwort stehen". *Name geändert

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