Der Märchenbau oder die Bewahrung der Geschichte

Das Werk ist vollbracht: Schwerin hat sein Glanzstück auf der Schlossinsel, das künftig Besucherscharen anziehen wird. Lithografie nach Paul Graeb, Festschrift v. 1869
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Das Werk ist vollbracht: Schwerin hat sein Glanzstück auf der Schlossinsel, das künftig Besucherscharen anziehen wird. Lithografie nach Paul Graeb, Festschrift v. 1869

Kommt eine Tourist des Wegs und ist entzückt: Hier muss es gewesen sein! Hier hat der Prinz Dornröschen wachgeküsst. Auf der Burggartenwiese am See haben die vier kleinen Schwäne ihr Allegro moderato in fis-Moll von Tschaikowski getanzt. Wo hat Rapunzel ihr Haar herunter gelassen?

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01. September 2010, 05:54 Uhr

Ein Märchenschloss also in Schwerin. ". . . gemacht wie aus unfaßbaren Träumen", hat es der englische Globetrotter Sir Henry Montague Doughty 1892 von einem Segelboot aus erlebt. "Ragt ... voll schauspielerischer Unternehmungslust über den freundlichen Residenzplatz", befand einst der Berliner Theaterkritiker Alfred Kerr. Kolonnade, heroisches Reiterstandbild in offener Bogenhalle, Adelsherren in Bogennischen, Türmchen, Türmchen, großer Turm, wechselnde Fassaden voller Dekor, über der goldenen Prunkkuppel schwebt ein Erzengel.

Erster fröhlicher Eindruck: Eine Festtagstorte aus Stein. Ein Schloss aus der Baukonditorei? So haben vielleicht die Jünger der Bau-Heiligen Walter Gropius und Mies van der Rohe gespottet. Seriös betrachtet, ist das Schweriner Schloss ein international renommiertes Musterstück des Historismus in der Architektur.

Suche nach dem SelbstverständnisDer Historismus vereint im 19. Jahrhundert Baustile vergangener Epochen mit zeitgenössischen Auffassungen. Aus historischer Anleihe und der Suche nach Selbstverständnis entsteht, beispielweise, Neorenaissance. Bis über die Mitte des 20. Jahrhundert hinaus weitgehend negativ beurteilt, hat sich die Wertung inzwischen gewandelt, wird der Historismus als Versuch gesehen, Geschichte zu bewahren. Doch derart formelhaft simpel ist weder der Begriff noch das Umdenken über ihn.

Wie Professor Dr. Sabine Bock weiß. Die Ilmenauerin hat in Weimar Architektur studiert und wurde im Bereich Denkmalpflege promoviert. Sie hat 1981- 1987 am Institut für Denkmalpflege in Schwerin und danach 10 Jahre beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege gearbeitet. 1997 wurde sie als Professorin an die Fachhochschule Coburg berufen. Der gesundheitlich bedingte Schweriner Ruhestand seit zwei Jahren lässt ihr nun Zeit für Publikationen, darunter als Herausgeberin, zusammen mit Rudolf Conrades, eine Biographie von Schlossbaumeister Georg Adolph Demmler.

Wie also entstand das Schloss, als modische Laune des Bauherrn, oder was steckt hinter dem Historismus? Vorsichtige Annäherung der Bauhistorikerin: "Es ist eine der bisher am wenigsten erforschten, also verstandenen Epochen der Baugeschichte. Die Fachleute fangen erst an, dieser Entwicklung nachzugehen. Klar aber ist, nicht jede Architektur, die mit einem historischen Zitat arbeitet, ist historistische Architektur. Diese nämlich hat, wie jede Architekturepoche, auch einen politischen Hintergrund.

Mit dem Entstehen der Nationalstaaten, mit neuem Selbstbewusstsein, das wohl mit der Französischen Revolution anfängt, geht die Ablehnung des Barock einher. Auch der Klassizismus wird nur als Übergang angesehen, diese Aufnahme der Antike wird vom Protagonisten Karl Friedrich Schinkel schnell in Frage gestellt.

Kampf der Stile um neue ArchitekturTempel, wie das Berliner Tor in Schwerin, passen nicht für alle Bauaufgaben. So beginnt der Historismus in seiner ersten Phase als Kampf der Stile um eine neue Architektursprache. Schinkel arbeitet neogotisch, aber auch das ist nur eine Suche nach dem Zeitgemäßen. Und dann kommt gleichermaßen aus Bayern und Sachsen der Gedanke, die Renaissance aufzugreifen. Und am Ende dieser Phase, so um 1848, wo in Deutschland Throne wackeln, wird in Schwerin ein mittelalterliches Schloss umgebaut, und es kommt im Wesentlichen ein Neurenaissancebau zustande."

Zeichen für Kontinuität der HerrschaftÜber dessen Urherberschaft mittlerweile gestritten wird. Wer war der Vater der Form? "Ohne in den Streit einzugreifen, an Bauten wirken fast immer mehrere Schöpfer. Neben Demmler und Willebrand gehört hier der revolutionäre Geist Semper aus Dresden zu den Ideengebern. Es ist fast anachronistisch, dass sich diese Auffasungen nach mehreren Überarbeitungen durchgesetzt haben. Noch immer ist es eine Fragezeichen: Was hat den einflussreichen Preußenonkel Friedrich Wilhelm IV. und Friedrich Franz II. bewogen, diese Entwürfe ausführen zu lassen?

Ein Motiv wäre, dass sie alles, was aus dem ersten großen Umbau ab Mitte des 16. Jahrhunderts stammte, erhalten wollten. Es war vermutlich weniger die Laune des Bauherrn, den Historismus zu bedienen, mehr der Anspruch auf ein Zeichen der historischen Kontinuität dieser Herrschaft. Daher die bewusste Verkopplung von Renaissanceteilen mit der Neurenaissance. Jedenfalls ist dieses Schloss, von Stüler 1857 vollendet, eines der wenigen Beispiele der Architektur Schwerins, die es in die internationale Literatur geschafft haben."

Ging es beim dekorreichen Historismus des Schlosses eigentlich nur um eine repräsentative, blickfangende Hülle? Nein, erläutert Sabine Bock, zweckmäßig musste es schon sein. Es gab eine für die damalige Zeit sehr moderne Heiztechnik, auch Wasserversorgung und Müllentsorgung waren auf der Höhe der Zeit, entsprechende Sanitäranlagen, wie in England schon bekannt, kamen später. "Es war eine Zeit, in der die bürgerlichen Wohnvorstellungen die adligen ablösten, wo in der Repräsentation auch das Angenehme und Bequeme Platz greift. In der Bauzeit war man ja an der Schwelle, wo die Indus trialisierung beginnt.

Viele Köche haben den Brei nicht verdorbenDa ist auch ein Widerspruch: Auf der einen Seite will man es sachlich praktisch, auf der anderen wird ein Festival der Formen veranstaltet. Letztlich aber ist mit dem Schloss der Zeitgeschmack durchgesetzt, und sozusagen haben die vielen Köche den Brei nicht verdorben. Das Schweriner Schloss als ein Höhepunkt des Historismus ist gewissermaßen ein Vorgriff auf den späteren Triumph der Neorenaissance."

Spätestens aber seit das legendäre Bauhaus in den zwanziger Jahren die Sachlichkeit in die Welt gebracht hat, wurde der Historismus scheel angeschaut, warum? Die Abwertung, konstatiert die Denkmalpflege-Expertin, sei ein Phänomen, was sich fast komplett durch die Baugeschichte verfolgen ließe. "Immer, wenn ein Qualitätssprung passiert, kommt, was unmittelbar davor war, erst einmal in Misskredit.

Die italienischen Renaissance-Architekten gaben der zweiten Hälfte des Mittelalters den Namen Gotik, und die Goten waren für sie die Brutalen, die Kulturlosen. Die Bezeichnung Barock hat das 19. Jahrhundert abwertend erfunden, es heißt schiefe Perle, gemeint war also etwas, was der Juwelier eher wegwirft. So haben auch die Architekten der Moderne, eine elitäre Minderheit, die nach dem Krieg, - unterschiedlich in West und Ost - die lichtdurchflutete Stadt konstruierte, eine fast militante Abneigung gegen den Historismus entwickelt. Gewiss wurde in diesem Stil, seit man Fertigteile ankleben konnte, auch viel Schund gebaut."

Und warum hat es nach den 1960er Jahren wieder einen Umschwung gegeben? "Es gibt heute noch Zweifler und Gegner", sagt Sabine Bock und meint: "Es braucht wohl immer eine Epoche, in der viel verloren geht und das Übriggebliebene dann rar genug ist, so dass man sich im Abstand wieder damit beschäftigt. So hat man, die Forschung traf sich da mit dem Volksempfinden, die Qualitäten des Historismus langsam wieder wahrgenommen, ihren Wert erkannt."

Erkennt man sie auch aus den gläsernen Kühnheiten der gegenwärtigen Baustars? "Durch die Radikalität der Architektur des 20. Jahrhunderts hat sich die Neubewertung sicher verzögert", sagt die Kennerin, "und in der frühen DDR kam hinzu, dass historistische Bauten gleichgesetzt wurden mit Gebäuden, mit denen man nichts mehr am Hut hatte, Schlösser, Herrenhäuser, Kirchen. Man hat sich lange schwer getan, diese Werte zu akzeptieren.

Doch auch in Braunschweig wurde das Welfenschloss gesprengt als Makel aus der Geschichte, weil im Dritten Reich eine SS-Schule darin war. Ansonsten war die Verdammung des Historismus im Westen weniger ideologisiert, sondern mehr pauschal, er war einfach altmodisch. Es gab also unterschiedliche Motive bei gleichen Ergebnissen."

Volksempfinden hat den Bau immer geliebtEines jedoch ist über allem Streit der Fachleute erhaben geblieben: Die Masse der Leute hat die Bauten des Historismus im Stillen immer geliebt. Allein durch den Anblick. Natürlich, lachend verlässt Sabine Bock das Fachvokabular: "Das Märchenschloss steht für Bilder aus der Kindheit. Es belebt die Neigung, aus dem grauen Alltag wenigstens mit den Augen in eine Welt einzutauchen, in der die Phantasie wach wird."

Wie ist es bloß möglich in Deutschland: Es gibt zum Historismus keine Kathedermeinung. Das ist so wundersam wie das Schweriner Schloss in seiner Harmonie mit der Natur. Und so warten wir nun an Dornröschens Ort, von Augenlust beflügelt, auf die Fliederfee und den Blauen Vogel.

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