zur Navigation springen
Zeitung für die Landeshauptstadt

22. November 2017 | 00:25 Uhr

Kultur MV : Der „Männerulk“ von Schwerin

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Das „Schlaraffenland des Geistes“ steht für Kunst, Humor und Freundschaft – aber nur für Männer

svz.de von
erstellt am 29.Dez.2015 | 12:00 Uhr

Manche spielen zur Entspannung Golf, Tennis oder Schach, andere tauchen ein ins Spiel der Schlaraffen. Dies hat mit dem Schlaraffenland, in dem gebratene Tauben umherfliegen, nichts zu tun. Mit einem „Schlaraffenland des Geistes“ schon, wie Ritter Pico am Peer, derzeit „Kantzellar“ des „Reyches Suerina“ (Schwerin) sagt. „Was wir machen, ist höherer Männerulk“, versucht er eine Erklärung des Ritterspiels, dem weltweit etwa 10 000 Männer, und nur Männer, frönen. Im „profanen“ Leben heißt der Kanzler Rainer Jankowiak und ist promovierter Elektroingenieur im Ruhestand.

Zumeist sind es Akademiker und Künstler, die Freude an geistreichem Humor, Kunst und Männerfreundschaft haben und ein Spiel pflegen, das einst in Prag entstand. 1859 gründeten Theaterleute in einer Kneipe einen Verein, den sie später Schlaraffia nannten. Sie persiflierten das „selbstgerechte und aufgeblasene Gehabe von Obrigkeiten“, heißt es in einer Schrift des Stuttgarter Schlaraffen Harald Scheerer. Sie wählten das Ritterspiel, weil sich damit die romantische Verklärung des Mittelalters zu jener Zeit gut „auf die Schippe“ nehmen ließ.

Nach dem Schlaraffenreych Praga mit der Nummer eins entstanden Berolina in Berlin und Lipsia in Leipzig. Mittlerweile gibt es weltweit etwa 260 „Reyche“, zumeist im deutschsprachigen Raum. Die „Ambtssprache“ ist Deutsch. Im Sommer ruht die schlaraffische Tätigkeit – denn einst mussten die Schauspieler während der Theaterferien mit Tingeln ihr Geld verdienen; hatten keine Zeit. Das Reich in Schwerin hat die Nummer 79. An einem Abend in der Woche schlüpfen dort 18 aktive oder ehemalige Musiker, Juristen, Ärzte und Unternehmer in ihre „Rüstungen“ - Schwerter aus Holz für die Ritter und Dolche für die Junker gehören dazu. Ort der Sippung, wie das Treffen heißt, ist die „Burg“ – in Schwerin der jahrhundertealte Gewölbekeller des Logenhauses. Fast immer reisen Gäste dazu an, etwa aus Lübeck oder Pinneberg. Zur Begrüßung ertönt ein lautes Lulu – entstanden aus einem Zitatfragment „lustig, lustig“. Der Reychsmarschall schlägt das Tamtam. Unter Begleitung des dreiköpfigen Reychsorchesters singen die Sassen (Bewohner) das Abendlied, das mit der Zeile „Hoch lebe der Uhu, Lulu, Lulu“ endet. Die Schlaraffen ehren den „weisen“ Uhu.

Im ersten Teil geht es stets um Offizielles, wie Protokolle und Termine. Im zweiten Teil widmet man sich humorvollen Vorträgen, die mehr oder weniger einem festgelegten Thema entsprechen, sowie musikalischen, literarischen oder anderen Darbietungen. Begleitet werden sie von Einwürfen, witzigen Wortgefechten, monetären „Bestrafungen“. Nach dem Schlusslied folgt der Schwur: „Bis zum letzten Atemzug lasst uns Schlaraffen bleiben!“

Einer der drei Oberschlaraffen ist derzeit Ritter Knallfrosch der Sternenklare, profan Dr. Michael Lehmann-Kahler, Unternehmensberater und mit 59 Jahren einer der jüngeren Schlaraffen. Obwohl er den ganzen Abend über das Wort führt, kann er dabei total abspannen, wie er sagt. „Wir können machen, wozu wir Lust haben, das ist Erholung für mich.“

Er bereite sich selten vor: „Ich spiele fast immer frei Schnauze.“ Sein Wortwitz und seine Schlagfertigkeit sind nicht jedem gegeben. Er ergänzt: „Viele, die nicht reden konnten, haben hier reden gelernt.“ Niemand wird zu etwas gezwungen. Wer einfach nur zuhören will, kann das tun. Mitgliederwerbung oder Öffentlichkeitsarbeit gibt es kaum, geeignet erscheinende Männer werden gezielt angesprochen. Den meisten sind die Schlaraffen daher unbekannt. Ein kleiner Raum im Gewölbekeller birgt die Schätze der Schweriner Schlaraffen, darunter das alte „Schmierbuch“. Es ist das mit Fotos und Zeichnungen illustrierte Tagebuch des Vereins und dokumentiert die Sitzungen von 1922 an bis über die DDR-Zeit hinweg. Unter den Nazis hatten die Schlaraffen die jüdischen Mitglieder ausschließen müssen. Dem widersetzten sich nur zwei Reyche, Stuttgart und Hamburg, wie Lehmann-Kahler berichtet. Diese lösten sich auf. Den anderen nutzte der Gehorsam nichts, sie wurden 1937 verboten.

Nach dem Krieg fanden sich etliche Schlaraffen wieder zusammen, aber vor allem in Ostdeutschland erloschen viele Reyche. So setzten in Mecklenburg-Vorpommern nur die Schweriner 1957 das Spiel fort. In der DDR waren die Schlaraffen nicht verboten, wie Jankowiak erzählt. Aber der Staat wollte ein Auge auf sie haben und sie im Kulturbund sehen – was die Schlaraffen nicht wollten. Sie trafen sich in Privatwohnungen und hätten Unterstützung aus dem Westen gehabt. Die DDR-Zöllner hätten die Schlaraffen manchmal für Karnevalsjecken gehalten. „Narren sind wir schon – Jecken jedoch nicht“, sind sie sich einig.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen