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Blick in Schweriner Stasi-Akten : Der Andrang ist ungebremst

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Hunderte kamen zum Jubiläum in die Stasi-Unterlagenbehörde nach Görslow, jeden Monat werden 135 Anträge gestellt

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erstellt am 30.Jan.2017 | 05:00 Uhr

Schriftsteller Ulrich Schacht war einer der ersten, die am 28. Januar 1992 in Schwerin in seine Stasi-Akten schauen durften. Andrea von Malottki hatte sie nach dem damals neuen Stasi-Unterlagengesetz bearbeitet – dabei las sich die ehemalige Lehrerin durch eine „fesselnde Lebensgeschichte“. Ulrich Schacht wurde 1951 im Frauengefängnis Hoheneck geboren, wuchs in Wismar auf, studierte in Rostock Theologie und wurde 1973 wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt. 1976 wurde er in die Bundesrepublik entlassen, studierte in Hamburg Politische Wissenschaften und Philosophie, arbeitete später als Feuilletonredakteur und Chefreporter für verschiedene Zeitungen. Schacht, der heute in Schweden lebt, war am Sonnabend nach Görslow gekommen, um sich mit anderen Zeitzeugen wie Andrea von Malottki öffentlich an die erste Akteneinsicht vor genau 25 Jahren zu erinnern. Die Außenstelle Schwerin des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (BStU) hatte zum Bürgertag mit Führungen und Vorträgen eingeladen. Leiterin Corinna Kalkreuth war überwältigt von der Resonanz.

Insgesamt sei das Interesse der Bevölkerung ungebrochen. Jeden Monat gehen durchschnittlich 135 Anträge von Privatpersonen auf Akteneinsicht in Görslow ein. Seit 1995 kann auf alle Personendaten hier voll zugegriffen werden. 54 Menschen arbeiten heute in der Außenstelle in Görslow, zu Spitzenzeiten waren es 96. Einen Vorabbescheid über seinen Antrag bekomme der Bürger nach etwa drei Monaten, sagt Corinna Kalkreuth. Bis zur Einsicht kann es drei Jahre dauern. Die Unterlagen, die die Betroffenen bekommen, sind oft voller Schwärzungen. „Wir wägen ab zwischen dem Schutz der Persönlichkeitsrechte und dem Aufarbeitungsrecht. Antragsteller erhalten nur Informationen über sich“, so Kalkreuth.

Seine Stasi-Akteneinsicht habe Ulrich Schacht wie ein „zweites Weihnachtsfest“ erlebt, sagt er: Alte Tagebücher, Gedichte, Aufzeichnungen, die der abgeschobene Schweriner lange vermisst hatte, lagen vor ihm. Und er fand die Bestätigung: „Alle meine engen Freunde waren keine inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi gewesen.“

Seit ihrem ersten großen Fall hat sich Andrea von Malottki durch viele Akten gelesen. Sie gehört zu den Mitarbeitern, die von Anfang an dabei und in Görslow geblieben sind. 2400 laufende Meter Akten gibts in der Außenstelle, außerdem Ausstellungen, Vorträge, Führungen. Im April startet erneut die Reihe „Samstag im Archiv“.

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