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Zeitung für die Landeshauptstadt

24. November 2017 | 10:39 Uhr

Stasi-Unterlagen : Den Worten ein Gesicht gegeben

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

„Samstag im Archiv“: Umweltaktivist Jörn Mothes erzählt von Pflanzaktionen und dem Leben unter ständiger Stasi-Kontrolle

von
erstellt am 04.Apr.2016 | 11:45 Uhr

Meterweise reihen sich die Akten in den Regalen der Stasi-Unterlagenbehörde in Görslow aneinander. Viele von ihnen sind gesichtet, thematisch aufgearbeitet. Um diesen Akten ein Gesicht zu geben, haben die Mitarbeiter der Schweriner Außenstelle eine neue Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen: „Samstag im Archiv“. Jörn Mothes machte am Sonnabend den Anfang. Als Umweltaktivist geriet er 1979 ins Visier der Staatssicherheit. Auf unzähligen DIN-A-4-Seiten ist ein Teil seines Lebens genau dokumentiert. Es sind Worte auf Papier. Den ganz persönlichen Einblick gab Mothes den Gästen.

„Es waren die Berichte des Club of Rome, die mich aufgeschreckt haben“, erinnert er sich. Der Zusammenschluss von Experten verschiedener Disziplinen aus mehr als 30 Ländern setzt sich für nachhaltige Entwicklung und den Schutz von Ökosystemen ein. 1979 hätten diese Berichte Mothes die Augen geöffnet, seinen Ehrgeiz geweckt.

Warum ein 17-Jähriger sich für den Umweltschutz interessiert, will Corinna Kalkreuth von ihm wissen. Die Leiterin des Archivs in Görslow hat sich intensiv mit Mothes’ Akten auseinandergesetzt. „Ich gehörte zur Gruppe, die sich regelmäßig im Paulskirchen-Keller getroffen hat. In der evangelischen Jugend haben wir uns auch mit der Umweltsituation beschäftigt. Die hatte sich drastisch verschlechtert. Wir mussten etwas tun“, erinnert sich Mothes. Er zeigt Bilder von gelblich qualmenden Schornsteinen, verteerten Seen, abgestorbenen Wäldern. Aufgenommen nicht irgendwo, sondern direkt vor der Tür, Ende der 70er-Jahre in der DDR. „In der Bibel heißt es gern übersetzt: Macht euch die Erde untertan. Doch die Übersetzung aus dem Hebräischen heißt auch, sie bewahren. Das wollten wir“, erklärt der Schweriner. Aus Ideen wurden Pläne, denen folgten Taten. Mothes erzählt von großen Pflanzaktionen auf dem Schweriner Dreesch. „5000 Sträucher für den Dreesch als Subbotnik und mit einer Prämie vom Staat. Doch die Stasi hat schnell gemerkt, was dahinter steckte“, sagt er. Das hielt ihn und seine Mitstreiter nicht auf. Die Pflanzaktion-Idee ging durch die ganze DDR. Oft wird er als der erste Umweltaktivist der DDR bezeichnet. Jörn Mothes winkt ab. Er habe sich für Frieden, gegen Nachrüstung und für die Umwelt eingesetzt. Zwischen 1979 und 1985 gab es zahlreiche Aktionen. Er habe mit die kirchlichen Umweltseminare – die Schweriner Winterseminare – ins Leben gerufen. Dort gaben Experten Hintergrundwissen zu Umwelt und Natur. Er kämpfte gegen den Autobahnbau östlich des Schweriner Sees.

Mothes’ wachsames Auge blieben auch der Stasi nicht verborgen: „1979 fängt meine Akte an. Da gibt es erste Berichte von Klassenkameraden.“ Aus heutiger Sicht stellt er nüchtern fest: „Wir waren gar nicht so politisch wie sie uns immer gesehen haben.“ Mit 1,5 Beinen habe er aber stets im Gefängnis gestanden. „Wir hatten nach der Schule in unser Landkommune in Vietlübbe mehrfach Durchsuchungen, alles wurde fotografiert, wir wurden abgehört. Schon komisch, das dann später zu lesen und zu sehen“, gibt er zu.

Über die Aktionen und die Umweltfrevel in der DDR ist nun ein Buch erschienen. „Mein Freund und Mitstreiter Michael Beleites hat in ,Zwischen Ruß und Revolte‘ alles gut zusammengefasst“, warb der 53-Jährige für das Werk.

Der nächste „Samstag im Archiv“ findet in Görslow am 30. April unter dem Titel „Das Gedächtnis der Stasi“ statt.

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