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Schweriner vergisst, seinen Fahrschein abzustempeln : Demenzkranker muss Bußgeld zahlen

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Seit Jahren leidet der Ehemann von Alexandra Schulz an Demenz. "Das Leben mit dieser Erkrankung ist sehr schwer", schreibt Schulz in einem Brief an uns. Um so fassungsloser mache sie, was die Familie jetzt erlebt habe.

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erstellt am 30.Jul.2013 | 06:28 Uhr

Schwerin | Seit Jahren leidet der Ehemann von Alexandra Schulz (Name von der Redaktion geändert) an Demenz. "Das Leben mit dieser Erkrankung ist sehr schwer", schreibt Schulz in einem Brief an unsere Zeitung. Um so fassungsloser mache sie, was die Familie jetzt erlebt habe. "Angeblich wird in Schwerin so viel für Menschen mit Behinderungen getan. Leider kann ich das nicht bestätigen", so die Schwerinerin.

Was ist geschehen? "Als mein Mann mit Bus und Bahn zum Großen Dreesch zur Ergotherapie fuhr, vergaß er, auf dem Rückweg den vorhandenen Fahrschein zu entwerten", berichtet Alexandra Schulz. Prompt hätten Kontrolleure ihren Mann nach dem Ticket gefragt - und ihn auch gleich zur Kasse gebeten. "Nach den allgemeinen Beförderungsbedingungen wurde er aufgefordert, ein Bußgeld in Höhe von 40 Euro zu bezahlen", schildert die Schwerinerin. Schriftlich habe sie Widerspruch gegen diese Entscheidung eingelegt und dem Schreiben eine Kopie der Demenz-Diagnose beigelegt. Das Bußgeld sei daraufhin auf 20 Euro reduziert, aber nicht erlassen worden. "Ich finde es schlimm, dass es keine behindertengerechte Lösung gibt", beklagt Alexandra Schulz. Nachdrücklich fordere sie die Verantwortlichen auf, die Regelung zu überdenken und eine "bessere Lösung für an Demenz erkrankte Menschen zu finden".

Lothar Matzkeit, Abteilungsleiter beim Schweriner Nahverkehr, bestätigt den Vorfall, bittet aber auch um Verständnis. Dass der Mann von Alexandra Schulz an Demenz erkrankt sei, hätten die Kontrolleure nicht erkennen können. Nach dem Widerspruch habe das vom Nahverkehr mit der Ticket-Kontrolle beauftragte Unternehmen formal korrekt gehandelt, betont Matzkeit. "Das Bußgeld wurde um die Hälfte reduziert und auf die eigentlich fällige Strafanzeige für das Schwarzfahren verzichtet." So sehe es ein entsprechender Kulanz-Katalog vor.

Laut Matzkeit sind die Fahrer des Nahverkehrs für den Umgang mit verwirrten und orientierungslosen Fahrgästen geschult, holen in solchen Fällen medizinische Hilfe oder informieren die Polizei. Der Abteilungsleiter appelliert aber auch an die Verantwortung der Angehörigen von Demenz-Patienten. Sie müssten beurteilen können, ob ein erkrankter Verwandter noch ohne Begleitung eine Fahrt mit dem Bus oder der Straßenbahn unternehmen könne.

Bernadett Schimanek vom Zentrum Demenz in Schwerin hat kein Ver ständnis für die Haltung des Nahverkehrs im geschilderten Fall. "Das verhängte Bußgeld hätte nach Vorlage des ärztlichen Attestes komplett erlassen werden müssen", sagt die Expertin. Dass der Mann von Alexandra Schulz sein Ticket nicht abgestempelt habe, sei eindeutig auf seine Erkrankung zurückzuführen. Leider gäbe es im Zusammenhang mit der Demenz immer noch viele Wissensdefizite in der Gesellschaft, so Schimanek. Dabei befinde sich die Krankheit auf dem Vormarsch, allein in Schwerin seien derzeit schon etwa 2000 Menschen betroffen.

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