Kultur in Schwerin : Dem Theater fehlen die Musiker

Nussknacker im Theater: Die Musik zur Ballett-Inszenierung kam mangels Probenzeit der Musiker vom Band.
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Nussknacker im Theater: Die Musik zur Ballett-Inszenierung kam mangels Probenzeit der Musiker vom Band.

Sparzwang wirkt sich aus: Nach der Ballett-Premiere des „Nussknacker“ ohne Orchester gab es viel Kritik von den Gästen

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20. November 2014, 21:15 Uhr

„Eine wunderschöne Ballett-Inszenierung, die schon auf die Advents- und Weihnachtszeit einstellt. Ein stimmungsvolles Bühnenbild, passende Kostüme, unser tolles Ballett, verstärkt in den Reihen durch quirlige Kinder-Eleven. Alles ist wunderschön anzusehen und ein Genuss. Ein Schauer lief mir über den Rücken, als die Musik einsetzte. Meiner Nachbarin ging es genauso und im Gespräch in der Pause und im Nachhinein, teilten wir diese Meinung mit vielen sprachlosen Premiere-Gästen. Nicht die Staatskapelle musizierte aus dem Orchestergraben, nein Tschaikowskis Musik kam aus zwei Boxen rechts und links von der Bühne vom Band.“ So wie Kerstin Kunze meldeten sich in den vergangenen Tagen zahlreiche Theaterfreunde in unserer Redaktion und wollten damit an die Politik appellieren, den Rotstift am Theater abzusetzen.

Denn die hatte es so beschlossen: Der Haustarifvertrag für die Musiker sieht vor, dass es einen Freizeitausgleich für den Einkommensverlust gibt. Generalintendant Joachim Kümmritz erklärt: Kürzungen im Spielplan habe er nicht gewollt, am Jugendsinfoniekonzert wolle er schon gar nichts kürzen, auch acht Sinfoniekonzerte wolle das Staatstheater weiter pro Spielzeit geben und „mit der ,Winterreise‘ gibt es im E-Werk ja auch schon eine Oper ohne Orchester, dafür nur mit Klavier“. Irgendwo musste sich die geringere Arbeitszeit auswirken.

Und so traf es das Ballett, „das auch mit Musik vom Band funktioniert, selbst wenn es mir den Magen umdreht“, sagt Kümmritz.

Doch es wäre nicht anders möglich gewesen. Maximal zehn Dienste, durchschnittlich acht, dürfe ein Musiker pro Woche machen – Proben und Vorstellungen. Allein für einen Ballett-Abend seien fünf Orchesterproben, fünf Proben mit dem Ballett und mit allen Übungsstunden bis zur Generalprobe insgesamt 18 Proben nötig. „Selbst wenn ich diese Probenzeit bei Konzerten einsparen würde, hätte ich sie letztlich nicht am Stück zur Verfügung“, erklärt Kümmritz. „Es fehlen drei Wochen.“ Schließlich gebe das kleine Ensemble auch während der Probenzeit Vorstellungen für andere Inszenierungen. „Wir haben ein erfolgreiches Rock-Ballett gespielt, mit ,Schlafes Bruder‘ ein modernes Ballett. Also wollten wir auch ein klassisches Ballett“, erklärt der Generalintendant. „Um das zu ermöglichen mussten wir einen Kompromiss eingehen. Und der heißt: Verzicht auf ein Orchester.“

Dieses Zahlenspiel bei der Programmgestaltung sei eine immense Aufgabe, bestätigt auch Chef-Disponentin Dr. Ute Lemm. Und das, obwohl kein Musiker individuell seine 45 Urlaubstage verplanen darf. Urlaub gibt es nur im Februar und im August. „Dennoch halten wir die Vielfalt im Spielplan“, sagt Lemm. „Das sind wir unserem Publikum schuldig.“

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