Reportage aus Schwerin : Dem Islam etwas näher gekommen

Trist und grau: Die Moschee in der Anne-Frank-Straße.
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Trist und grau: Die Moschee in der Anne-Frank-Straße.

In der Dreescher Moschee ist Mohamed Dib Khanji der Imam – er spricht mit Redakteurin Annegret Behncke über seinen Glauben

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25. November 2015, 12:00 Uhr

Ich stehe vor der Moschee in der Anne-Frank-Straße. In meinem Kopf häufen sich die Fragen: Wie wird mich der Imam Mohamed Dib Khanji empfangen? Freundlich? Oder eher reserviert, da ich eine Frau bin? Werden noch weitere Leute da sein? Was macht diesen Glauben aus? Warum gibt es so viele Vorurteile? Ich habe jede Menge gehört und gelesen. Aber wie ist es wirklich? Ich bin neugierig. Auf die Kultur. Auf den Glauben. Auf die Menschen.

Der Islamische Bund hat seine Räume in einem Plattenbau aus DDR-Zeiten. Den typischen Charme hat er behalten. Graue Fliesen. Graue Wände. So trist habe ich mir eine Moschee nicht vorgestellt. Ich gehe weiter. Die Tür zur Moschee steht einen Spalt weit offen. Davor stehen Schuhe. Fünf Paar Herren- , ein Paar Damenschuhe. In meinem Kopf häufen sich die Bilder. Wer erwartet mich hinter dieser Tür? Viel Zeit darüber nachzudenken bleibt nicht. Die Tür geht auf, ein freundliches Gesicht blickt mir entgegen. Um die Augen des älteren Mannes bilden sich kleine Lachfältchen. Er reicht mir die Hand. „Guten Tag. Ich bin Mohamed Dib Khanji.“ Er nimmt mich mit hinein. Ich ziehe meine Stiefel aus, betrete die heiligen Hallen.

Leise führt er mich durch einen kleinen Flur, durch den Gebetsraum, indem sich gerade vier Männer unterhalten. „Bitte nehmen Sie Platz“, bittet mich der Vorbeter der Moschee einen Raum weiter. Wir setzen uns. Zwischen uns ein kleiner Tisch, an dessen Kopf seine Frau Affat Wofaei sitzt. Nun schauen mich beide hoffnungsvoll an. Neugierig auf meine Fragen – und auch auf meine Vorurteile. Ich fühle mich willkommen.

Dib Khanji fängt sofort an zu erzählen – als hätte er mir meine Fragen direkt angesehen. „Der Koran ist die Heilige Schrift des Islams, die gemäß des Glaubens der Muslime die wörtliche Offenbarung Gottes an den Propheten Mohammed enthält“, erklärt der 69-Jährige. Seine Stimme ist ruhig. Auf mich strahlt der Syrer, der seit mehr als 20 Jahren in Schwerin wohnt, eine unglaubliche Geduld, Besonnenheit aus.

Mohamed Dib Khanji sitzt still da. Lächelt. Hört mir aufmerksam zu. Als ich die Frage stelle „ist der Islam ein Glaube, eine Sprache, eine Kultur oder eine Ideologie?“, schüttelt er den Kopf. „Das klingt nach Diktatur, Gewalt und Vernichtung. Unser Schöpfer will gar nicht, dass wir alle dem gleichen Propheten huldigen. Unterschiede bedeuten Freiheit und Selbstbestimmung.“ Genau das sei es, was Allah für alle Menschen wollte. Zudem seien alle Propheten, ob Allah, Jesus oder Jakob gleich. „Laut unserem Glauben dürfen wir gar keinen besonders herausstellen“, erklärt der frühere Siemens-EDV-Leiter. Seine Frau hört aufmerksam zu. Nickt. Ich auch. Langsam komme ich dem Islam etwas näher.

Ich frage den Vorbeter, ob Frauen Kopftücher tragen müssen und warum hier in der Moschee fast nur Männer sind. „Die Frauen entscheiden selbst, ob sie Kopftücher tragen. Wir sperren sie auch nicht ein “, antwortet er amüsiert auf meine Frage. In der Moschee hätten Frauen ihre eigenen Zeiten. Momentan sei es aus Platzmangel etwas seltener. „Wir hoffen auf neue Räumlichkeiten, eine neue Moschee – dann wird es besser.“

Was halten Sie als Moslem von den Anschlägen in Paris? „Das verurteile ich aufs Schärfste. “ Die kleinen Fältchen um seine Augen sind nun verschwunden. Der Blick ist ernst. „Diese Menschen sind keine richtigen Muslime. Es sind Terroristen.“ Mit denen er nichts zu tun haben will. „Die Flüchtlinge, die nun in Deutschland ankommen, müssen Deutsch lernen. Sich integrieren, aber auch die Deutschen sollten diese Vielfalt der Kulturen, die nun ins Land kommen, als Chance verstehen – alle können friedlich miteinander leben.“ Frauen seiner Gemeinde würden anderen Frauen und Kindern Deutsch beibringen. Er lädt mich ein, dass ich mir das mal ansehe.

Die Zeit vergeht schnell. Zu schnell, um alles zu erfragen, zu verstehen. Ein Anfang ist jedoch getan. Reingegangen bin ich mit Neugier auf die Menschen – raus komme ich mit der Vorfreude, diese Schweriner bald wiederzusehen.

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