Aus dem Gerichtssaal : Dealer oder Handlanger?

Cannabispflanze
Cannabispflanze

66-Jähriger steht wegen Hanfgeschäften vor Gericht

von
04. November 2015, 08:00 Uhr

Als angeblich große Nummer im Drogengeschäft wurde Michael O. im Oktober vor das Schweriner Landgericht zitiert. Der 66-jährige Hamburger hingegen stellte sich in den ersten Prozesstagen als reumütigen kleinen Handlanger in einer fünfköpfigen Bande dar. Seine Verteidigerin mag gehofft haben, dass O. damit durchkommt. Der Staatsanwalt bestand jedoch darauf, drei der ehemaligen Komplizen als Zeugen zu hören. Einer von ihnen ließ die Rolle von O. gestern wieder so groß erscheinen, wie die Anklage sie sieht. Zwischen 2006 und 2010 soll die Bande Hanf-Plantagen in Brandenburg, in Hof Retzow östlich von Parchim und in Dithmarschen betrieben haben. Der Umsatz lag über die Jahre im siebenstelligen Euro-Bereich. O. habe von den Gewinnen genauso viel kassiert wie die anderen, behauptete der 47-jährige Malermeister aus Hamburg. 6000 Euro seien so für jeden monatlich übriggeblieben, schließlich verstand man sich als gutes „Team“. Und allein O. sei es gewesen, der all die Kunden kannte. Der Angeklagte hatte ausgesagt, lediglich die in Plastikbeutel verpackte Ernte von den Plantagen in ein Lager bei Hamburg oder direkt zu Kunden gefahren haben. Weniger als 2000 Euro seien für ihn herausgesprungen. Die Kunden habe alle der Malermeister besorgt, der auch der große Chef der Truppe gewesen sei.

Mit bohrenden Fragen versuchte O.’s Verteidigerin, die Anschuldigungen des Malers ins Wanken zu bringen. Er habe in seinem eigenen Prozess doch gestanden, der führende Kopf der Truppe gewesen zu sein. Immer wieder stellte die Anwältin heraus, dass der Maler den Angeklagten erst vor knapp zwei Jahren an die Ermittler verriet, um im Gegenzug die Hälfte seiner Strafe erlassen zu bekommen. Als die Bande 2010 aufflog, war O. nicht entdeckt und von den anderen nicht verraten worden. Der Maler hingegen wurde zu sechs Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt – von denen er nur die Hälfte absitzen musste. Die Hafterleichterung war keineswegs der Antrieb, den einstigen Kumpel „ans Messer“ zu liefern, behauptete der Maler. Während er im Gefängnis saß, habe O. seine Familie bedrängt, sein Eigentum verhökert und ihm dunkle Hintermänner auf den Hals geschickt. Allerdings wirken weder O. oder der Malermeister, noch die beiden weiteren Komplizen, die gestern als Zeugen gehört wurden, wie skrupellose Drogenkriminelle, die über Leichen gehen – sondern eher wie in die Jahre gekommene Kiffer, die auch einmal den schnellen Euro machen wollten. Ein Urteil könnte bis Ende des Monats fallen.
 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen