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Zeitung für die Landeshauptstadt

23. September 2017 | 22:06 Uhr

Entdeckung : DDR-Geschichte hinter Sperrholz

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Kurz vor der Fertigstellung des ehemaligen Standesamtes am Pfaffenteich gibt es schon wieder eine Entdeckung

svz.de von
erstellt am 05.Mai.2014 | 12:00 Uhr

Nach dem Guckloch ins Eheschließungs-Zimmer und einer pompösen Sauna im Keller hat die Sanierung des ehemaligen Standesamtes in der August-Bebel-Straße nun ein weiteres verborgenes Sahnestückchen aus der DDR-Geschichte ans Tageslicht gebracht: Ein riesiges Wandgemälde im Trauzimmer, das eine mehr als glückliche Familie zeigt – drei lächelnde Generationen, bester sozialistischer Realismus. Henning Bischoff, der das Haus im Jahr 2011 gekauft hatte und auf Vordermann bringt, hatte dort eigentlich etwas ganz anderes vermutet: ein Ölgemälde, das den Mann zeigt, zu dessen Ehren das Haus überhaupt gebaut worden war, Advokat und Hypothekenbewahrer Johann Hermann Kuetemeyer. Der war von 1803 bis 1819 Schweriner Bürgermeister und rief 1849 die Kuetemeyer-Stiftung ins Leben. Diese ließ 1894 das Haus am Pfaffenteich als Stiftungssitz errichten.

Auf einem Foto aus der Zeit vor 100 Jahren hängt das Kuetemeyer-Gemälde in dem großen Saal an der Wand. Einer Wand, die ein Eigenleben zu führen begann, als Henning Bischoff den frisch eingebauten Kamin anheizte: „Die Wand bekam Risse und ich konnte durch die Platten hindurch ein Bild erkennen.“ Er fragte sich im Stadtarchiv schlau, fand das Foto mit dem Gemälde und nahm die Sperrholzwand ab. Verborgen war tatsächlich ein Kunstwerk, aber ein ganz anderes. Bischoff wandte sich an die Denkmalbehörde, mit der er während der Sanierung eng und gut zusammenarbeitet, und stieß dort zunächst auf allgemeines Schulterzucken. Kurz bevor Bischoff einen Aufruf starten wollte, wer sich noch an dieses Bild erinnert, brachte Rainer Blumenthal vom Stadtarchiv Licht ins Dunkel: Das Wandbild stamme vom Schweriner Maler Horst Holinski. Blumenthal recherchierte in Akten und fand auch einen SVZ-Artikel von 1963, in dem das Werk abgebildet war – allerdings noch als Kohleskizze, aber mit dem gleichen Motiv und der gleichen Gestaltung. Bezahlt hatte es die Stadt aus einem so genannten Rücklagefond, so Blumenthal weiter. 1963 sei das Bild wohl angebracht und übergeben worden, denn da war die endgültige Fertigstellung und Neugestaltung des Standesamtes abgeschlossen. Erst in den 1980er-Jahren wurde alles wieder umgebaut. Dabei ist wohl auch das Bild hinter einer Wand verschwunden.

Es ist gut möglich, dass es dieses Schicksal jetzt noch einmal erleiden wird, denn so richtig anfreunden kann sich Bischoff mit der übergroßen Familie nicht. Erhalten bleibe es aber auf jeden Fall, vielleicht sei irgendwann später die Zeit wieder reif für real existierende DDR-Kunst.

Das Trauzimmer, in dem das Werk gefunden wurde, wartet übrigens noch auf neue Nutzer. Die Wohnungen im hinteren Teil des Hauses in der August-Bebel-Straße sind bereits vermietet. Nur die 270 Quadratmeter umfassenden Räume im vorderen Bereich, wo von 1942 bis 2008 das Schweriner Standesamt sein Domizil hatte, sind noch nicht vergeben. Sie könnten als Büro dienen oder als Privatwohnung – mit tollem Blick und sehr viel Geschichte.

 

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