zur Navigation springen

Test in Schwerin : Das schnelle Geld mit Straßenmusik?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Künstler auf öffentlichen Plätzen kommen nicht immer gut an – SVZ machte den Test

Das Wetter meint es gut mit mir: 18 Grad, die Sonne scheint. Hoffentlich meinen es auch die Schweriner gut mit mir. In der Schweriner Altstadt gebe ich heute meine Akkordeon-Künste zum Besten.

Ein bisschen mulmig ist mir schon, schließlich ist es mein erstes Mal als Straßenmusiker. Ich spiele zwar schon seit 20 Jahren Akkordeon – bisher aber noch nie auf der Straße. Als Ort für mein Test-„Konzert“ habe ich mir den Marktplatz ausgesucht. Schräg gegenüber vom Rathaus setze ich mich auf die Stufen, schnalle mir mein Schifferklavier um und lege meine Wintermütze zurecht. Vielleicht ist meine Musik ja dem ein oder anderen sogar eine Münze wert.

Anmelden muss ich mich nicht – in der Schweriner Stadtfibel sind die Regeln für Straßenmusiker eindeutig: Im Umkreis von 200 Metern dürfen Straßenmusiker eine Stunde lang an derselben Stelle Musik machen. Dann ist entweder Ende oder ein Platzwechsel nötig. Mein musikalisches Stelldichein beginne ich mit „Wir lagen vor Madagaskar“. Kaum erklingen die ersten Töne, nähern sich schon meine ersten beiden Zuhörer: Zwei Jungs, etwa fünf Jahre alt, tanzen munter zu den Seemannsklängen. Ermuntert durch ihren Nachwuchs werfen Mama und Papa die ersten Geldstücke in meine Mütze. Erleichterung. So schlecht kann ich also nicht sein. Bei den folgenden Liedern wie „Seemann, lass das träumen“ und „Amazing Grace“ bleiben viele ältere Menschen stehen. Sie schauen mir zu, einige singen sogar mit. Der ein oder andere wirft auch eine Münze in meine Mütze – doch das ist für mich zweitrangig. Ich freue mich, dass ich mit meiner Musik Mitmenschen zum Singen animieren kann.

Während der Großteil der Jüngeren vorbeigeht und mir kaum Beachtung schenkt, gibt es auch Ausnahmen: Ich komme mit einem jungen Paar ins Gespräch, das sich über meine Musik freut. „Die meisten Straßenmusiker sind alte Opas, die dann richtig penetrant ihre russischen Lieder spielen. Das mag ich nicht so“, erzählt die junge Frau. „Da ist das schon mal was anderes, wenn ein junger Kerl deutsche Volkslieder spielt. Da werfen wir dann schon mal Geld in den Koffer oder die Mütze“, ergänzt ihr Freund. Mich freuen nicht nur die Geldstücke, sondern auch das nette Gespräch.

Kurze Zeit später, kurz vor dem Ende meiner „Musikstunde“ kommt Beety vorbei. Beety ist Straßenmusiker. Selbst heute, an seinem Geburtstag, spielt er in der Altstadt Gitarre mit seinen Freunden. „Meine Geheimtipps sind die Mecklenburgstraße und die Schmiedestraße“, verrät er mir. In der Puschkinstraße „gehe auch was“, aber das sei zu wetterabhängig. Im Schnitt macht Beety nach eigenen Angaben etwa zehn Euro in einer halben Stunde. So viel habe ich ungefähr in einer Stunde verdient – mehr als den gesetzlichen Mindestlohn.

Ob ich noch einmal Akkordeon auf Schwerins Straßen spiele, das weiß ich jetzt allerdings noch nicht. Wenn, dann nicht des Geldes wegen – sondern aus Liebe zur Musik.

Der Autor Volker Raab ist in Franken mit Musik groß geworden. Er ist Volontär unserer Zeitung.

 

zur Startseite

von
erstellt am 11.Mai.2016 | 12:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen