Das Schloss hat Stil

Entwurf Gottfried Sempers, er hatte den Durchbruch für die weitere Diskussion gebracht.
Entwurf Gottfried Sempers, er hatte den Durchbruch für die weitere Diskussion gebracht.

Wenn das Schweriner Schloss in diesem Jahr besonders gewürdigt wird, dann nicht nur, weil 150 Jahre seit seiner Vollendung vergangen sind, sondern vor allem auch, weil der noch vor einigen Jahrzehnten geschmähte Historismus sich heute großer Beliebtheit erfreut.

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01. September 2010, 05:54 Uhr

Alle Stile müssen nach ihrem Ausklingen erst durch das Fegefeuer einer allgemeinen Verdammnis schreiten, weil Enkel das ablehnen, was Großväter hinterlassen haben. So ist die Bezeichnung Gotik vom Barock als Kunst der barbarischen Goten gewählt worden, denen man irrtümlich die Zerstörung Roms in der Völkerwanderungszeit unterstellte. Der Stilbegriff Barock entstand in der Zeit der Aufklärung und sollte schwülstig ausdrücken.

Historismus als Bezeichnung für die Baukunst des 19. Jahrhunderts wurde zum erstenmal vom Kunsthistoriker Hermann Beenken 1938 verwandt. Noch 1965 definierte Nikolaus Pevsner: "Historismus ist die Tendenz, an die Macht der Geschichte in einem solchen Maße zu glauben, dass ursprüngliches Handeln erstickt und durch ein Tun ersetzt wird, das von einem Präzedenzfall einer bestimmten Zeit ersetzt wird." Damit wurde Historismus mit Stileklektizismus gleichgesetzt.

Die jungen, progressiven Architekten der Neuen Sachlichkeit in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg konnten sich gegen die alten Kathederpäpste auf den Lehrstühlen - die immer noch das Entwerfen in Romanik, Gotik, Renaissance und Barock forderten - nur durchsetzen, indem sie den Historismus als Eklektizismus verunglimpften. Bereits fünf Jahre nach Pevsner schrieb der einer jüngeren Generation angehörende Wolfgang Götz in der Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft 1970: "Es war ein Missverständnis zu glauben, dass das Frühere immer das Echtere sei. Aber wir sollten uns wohl auch vor der Umkehr hüten: Dass das Neuere immer das Bessere sei, dass Originalität um jeden Preis als Kriterium künstlerischen Wertes zu gelten habe."

Bei der drohenden Zerstörung von Villenvierteln des Historismus in Frankfurt am Main und Wiesbaden war es in den frühen 70er Jahren gerade die progressive Jugend, die sich mit den meist konservativen Bewohnern dagegen verbündete.

Heute ist Historismus als eigenständiger Stil genau so anerkannt, wie die davor liegenden Stilepochen. Gerade das Schloss in Schwerin ist ein Gegenbeweis zur Behauptung, der Historismus sei lediglich eine Wiederholung dessen, was es als Form schon einmal gegeben hat. Denn es gibt auf der ganzen Welt nichts Vergleichbares für diese großartige Schöpfung, bei der sehr wohl Anregungen etwa von den Loire-Schlössern aufgegriffen, jedoch zu einem unverwechselbaren, eigenständigen Kunstwerk verarbeitet wurden. Das liegt schon daran, dass beim Planungsauftrag des Großherzogs Friedrich Franz II. an Georg Adolph Demmler ausdrücklich die Erhaltung und Einbindung der älteren, aus dem 16. Jahrhundert stammenden Teile gefordert wurde.

Es sind dies das Bischofshaus und das Lange Haus von 1553-59 mit den Terrakotten aus der Lübecker Werkstatt des Statius von Düren sowie die evangelische Schlosskirche von 1560-64 nach dem Entwurf von Erhard Altdorfer und Franz Parr. Der Grundriss der Gesamtanlage geht zudem bereits auf die mittelalterliche Burg mit unregelmäßigen Bauten um einen fünfeckigen Hof zurück, erneut aufgegriffen bei der Anlage von Bastionen durch den italienischen Festungsbaumeister Francesco a Bornau.

Während bei der Anlage mittelalterlicher Burgen und Festungen der Renaissance allein die Zweckmäßigkeit bestimmend war, ist das Schloss in Schwerin 1843-57 überwiegend nach künstlerisch-städtebaulichen Gesichtspunkten erbaut worden. Darin gleicht es den anderen Schlossbauten des Romantischen Historismus in Deutschland, wie die von Ludwig II. in Bayern, Schloss Marienburg bei Nordstemmen in Niedersachsen oder Schloss Braunfels in Hessen. Von letzterem wissen wir, dass seine Wirkung auf die umgebende Landschaft zunächst mit Attrappen aus Latten und Leinwand ausprobiert wurde, bevor man mit der Ausführung in Stein begann.

Das kann man sich auch beim Schweriner Schloss vorstellen, das auf äußerst malerische Weise als ein Märchenschloss von nahezu überirdischer Schönheit in die Schweriner Seenlandschaft eingefügt worden ist.

Die Hauptleistung dafür lag beim Schweriner Architekten Georg Adolph Demmler, dem die Stadt u. a. mit dem Rathaus, dem Arsenal am Pfaffenteich, dem Marstall und dem Kollegiengebäude (heute Sitz des Ministerpräsidenten) so viel verdankt. Er verwertete aber auch Anregungen aus den Konkurrenzentwürfen von Hermann Willebrand und Gottfried Semper, dem nach Schinkel berühmtesten Baumeister des 19. Jahrhunderts in Deutschland.

Bei der Bewunderung des romantischen Äußeren sollte man aber auch die großartige Innenausstattung würdigen, die bei Führungen öffentlich zugänglich im Langen Haus, dem Bischofshaus und den Räumen über der Küche zu sehen ist. Bei einem Brand 1913 wurde sie im Süd- und Westflügel vernichtet, so dass beim Ausbau 1947-48 zum Landesparlament und nach 1990 zum Landtag keine historischen Werte berührt wurden. Im Gegenteil, diese Nutzung ermöglicht die vorbildliche, aber auch kostenträchtige Restaurierung durch das Land Mecklenburg-Vorpommern, dem dafür Dank und Anerkennung gebührt.

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