zur Navigation springen
Zeitung für die Landeshauptstadt

21. November 2017 | 18:51 Uhr

Tsunami 2004 : „Das Meer war voller Schuhe“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Che Eckert hat den Tsunami Weihnachten 2004 nur knapp überlebt, heute lenkt er sich als Sprecher des Schweriner Weihnachtsmarkts ab

von
erstellt am 23.Dez.2014 | 08:00 Uhr

Heute strahlt er. Dem 57-Jährigen macht es Freude, die Schweriner lachend, sich bei einem Glühwein unterhaltend und einfach nur ausgelassen zu sehen. Es lenkt ihn ab – von dem was vor zehn Jahren am zweiten Weihnachtsfeiertag geschah. Che Eckert hat den Tsunami nur knapp überlebt, der 2004 über Sri Lanka hereinbrach. Seit diesem Jahr ist er Pressesprecher der Schweriner Weihnachtsmarkt GmbH. „Dieser Job tut mir gut“, erzählt Eckert zufrieden. Denn die dunkle Jahreszeit und immer dann wenn sich der Schreckenstag jährt, kommen die Erinnerungen hoch.

Ein schöner Urlaub sollte es werden. Jedes Jahr traf sich der Journalist und Fernsehproduzent mit einer Gruppe von 18 Leuten aus aller Herren Länder auf Sri Lanka. Man unternahm Ausflüge, erkundete die Insel oder meditierte gemeinsam. So sollte es auch 2004 sein. Doch dann nahm die Katastrophe um 7.59 Uhr am Morgen des 26. Dezember seinen Lauf: Nahe der Insel Simeulue trat in etwa 30 Kilometern Tiefe ein gewaltiges Erdbeben auf. Che Eckert war zu diesem Zeitpunkt Richtung Unawatuna unterwegs. Denn in weiten Teilen Asiens, so auch auf Sri Lanka, wurde am 26. Dezember das Vollmondfest Unduvap-Pooya gefeiert. Ein Fest, dass das Ende des Jahres für Buddhisten einläutet und gern mit einem Spaziergang am Strand beginnt. Und für viele Touristen versprach der Tag schlicht ein Weihnachtsfeiertag am Traumstrand zu werden. „Aus diesem Grund waren so viele Menschen schon früh am Meer oder auf dem Weg dahin, als der Tsunami kam“, berichtet Eckert.

Er selbst war kurz vor dem Tsunamiaufschlag schon einige Zeit unterwegs und wollte eine Kaffeepause in einem nahegelegenen Hotel machen. „Nichts ahnend war ich bei strahlend blauen Himmel auf der Hauptverkehrsstraße in einem Tuk-Tuk unterwegs“, erinnert sich Eckert. Doch schon beim Betreten des Hotels folgte ihm das Wasser. Dann ging alles rasend schnell. Das Wasser stieg immer weiter. „Es blieb nicht viel Zeit zum Nachdenken“, erzählt Eckert mit bedrückter Mine. Doch er reagierte geistesgegenwärtig, befreite zunächst einen Mann, der in einer Telefonzelle des Hotels eingeschlossen war. Die Tür lies sich durch den Druck des steigenden Wassers nicht öffnen. „Ich trat das Glas ein und zog den Mann raus. Dann liefen wir aufs Dach des Hotels, wo wir in Sicherheit waren.“

Das ganze Grauen, wirklich alles musste Eckert von diesem Dach mit ansehen. Drei Wellen kamen und rissen alles mit sich: „Menschen, Tiere, Autos, Busse, ganze Häuser wurden von den Fundamenten gerissen und kilometerweit gespült. Unvorstellbar, welche Kraft das Wasser hatte. Es sah aus wie im Krieg“, erinnert sich der Buddhist. Eckert hat noch heute ein bestimmtes Bild immer wieder vor Augen: „Als das Wasser wich, war das ganze Meer voller Schuhe. Sandalen. Sneakers. Badelatschen. Pumps. Kinderschuhe. Überall nur Schuhe.“ Das Hotel, auf dessen Dach er stand, hielt nur, weil es neu und anders gebaut war – sternförmig. So wurde das Wasser gebrochen und dessen Kraft gebremst.

Als die Tsunami-Wellen vorüber waren, eilte Eckert sofort in die Apotheke des Hotels und packte Müllbeutel mit Verbandszeug, Sekundenkleber und Desinfektionsmittel voll. Anschießend lief er zum Strand. Er wollte helfen. Der damals 47-Jährige leistete erste Hilfe, zog Überlebende aus Trümmern oder unter Leichenbergen heraus. Dann versorgte er sich selbst: „Ich hatte etwa 15 sehr tiefe Schnittverletzungen, die ich säuberte und mit Sekundenkleber zu machte“, erzählt Eckert. Und das rettete ihm wahrscheinlich das Leben. Denn in Asien setzen Insekten sehr schnell Eier in offene Wunden. Das Risiko einer Infektion und einer Blutvergiftung ist sehr hoch. Zudem wäre er vermutlich auf dem 100 Kilometer langen Weg nach Colombo verblutet, wenn die Wunden nicht geschlossen worden wären. Denn um zurück nach Deutschland zu können, musste er zuvor drei Tage zu Fuß durchs Land zur deutschen Botschaft in der Hauptstadt Colombo. Unterwegs half er immer wieder Touristen und Einheimischen und schloss Wunden mit Sekundenkleber.

Am 29. Dezember kam er endlich in Colombo an. Dort wurde er zum ersten Mal ärztlich versorgt. Am 2. Januar ging es für ihn zurück nach Hause. Im Krankenhaus wurden zahlreiche Schnittverletzungen, Prellungen, eine ausgekugelte Schulter, eine Blutvergiftung und ein Knalltrauma diagnostiziert. Was Eckert aber nicht davon abhielt, noch im Krankenbett die Hilfsorganisation „Stiftung Serendib“ zu gründen. Mit seinen Kontakten, die er durch die zahlreichen Besuche auf der Insel gewonnen hatte, wollte er direkt helfen und dafür sorgen, dass das Geld auch dort ankommt, wo es dringend gebraucht wurde. Mit dem Projekt „Rehab Lanka“ des Vereins Lanka Help hilft er noch heute Behinderten. So wurden Werkstätten errichtet, in dem Behinderte für Behinderte Rollstühle und Prothesen aus Europa urwaldtauglich umbauen.

Auch heute – zehn Jahre nach der Katastrophe – fällt es Eckert sichtlich schwer, über das Erlebte zu sprechen. „Wenn nachts eine Toilettenspülung in der Wohnung über mir geht, will ich aufstehen und weglaufen“, erzählt Eckert nachdenklich. Die Bilder und Ereignisse werde er nie vergessen. „Früher habe ich die alten Menschen, die immer wieder über den Krieg gesprochen haben, nicht verstanden. Jetzt weiß ich, dass man so etwas nie richtig verarbeitet – man trägt es sein Leben lang mit sich“, erklärt der Pressesprecher, der gerade deshalb glücklich ist, in Schwerin zu sein. „Der Weihnachtsmarkt ist gemütlich. Genau das Richtige für mich um diese Jahreszeit“, sagt Che Eckert. „Hier fühle ich mich wohl, bin abgelenkt und unter vielen netten Menschen.“




zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen