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Schwerin: Der Hungertod veränderte eine Behörde : Das Jugendamt und Lea-Sophie

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Kein Ereignis hat in den vergangenen Jahren so viel Empörung, Entsetzen und auch Veränderungen hervorgerufen wie das der im November 2007 in der elterlichen Wohnung verhungerten fünfjährigen Lea-Sophie.

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erstellt am 19.Aug.2012 | 05:30 Uhr

Schwerin | Kein Ereignis hat in den vergangenen Jahren so viel Empörung, Entsetzen und auch Veränderungen hervorgerufen wie das der im November 2007 in der elterlichen Wohnung verhungerten fünfjährigen Lea-Sophie. Mitarbeiter des Schweriner Jugendamtes sahen sich drastischen Vorwürfen und Strafanzeigen ausgesetzt, die Staatsanwaltschaft war wegen "Strafvereitelung im Amt" angezeigt worden, ein Untersuchungsausschuss aus Stadtvertretern sorgte lange für wenig Erhellung und umso mehr Schlagzeilen, letztlich musste Oberbürgermeister Norbert Claussen nach überdeutlicher Abwahl der Schweriner gehen. Lea-Sophies Eltern Nicole G. und Stefan T. wurden zu jeweils elf Jahren und neun Monaten wegen Mordes verurteilt. Jetzt, fast fünf Jahre später, sprechen erstmals die Mitarbeiter des Jugendamtes darüber, wie sie selbst die Ereignisse von damals nicht nur verarbeitet und aufgearbeitet haben, sondern aus einer völlig überlasteten Behörde ein Zentrum tatsächlicher, fachkundiger Hilfe für Kinder gemacht haben. Ihr Weg war bislang so erfolgreich, dass Experten wie der renommierte Erziehungswissenschaftler und Soziologe Prof. Dr. Reinhart Wolff den Schweriner Prozess als weltweit einmalig und beispielgebend bezeichnen. Vom 24. bis 26. Oktober widmet der angesehene Kronberger Kreis seine einmal im Jahr stattfindende Fachtagung in Schwerin fast einen Tag lang der Arbeit des Jugendamtes im Fall Lea-Sophie. Die Berichte über neueste Erkenntnisse in Forschung und Praxis werden Fachleute, die sich mit dem Thema Kindeswohl beschäftigen, aus ganz Deutschland verfolgen.

"Wir waren allein. Wir haben den Fall Lea-Sophie nicht verstanden, waren aber anfangs gar nicht in der Lage, ihn aufzuarbeiten", sagt Birgit Habecker, heute Sachgebietsleiterin des sozial-pädagogischen Dienstes 1 im Schweriner Jugendamt. Sie und ihre Kollegen haben an den Gerichtsverhandlungen gegen die Eltern teilgenommen, haben im zeitweiligen Untersuchungsausschuss der Stadtvertretung zugehört, sind zwischen dem Berg an täglichen Aufgaben und der nicht dazu passenden, schlechten Ausstattung des Amtes sowie der eigenen Aufarbeitungsversuche von Schuld bis Trauer geschwankt, ehe es auch endlich Hilfe aus der Stadtspitze gab. Prof. Dr. Reinhart Wolff sah das so: "Nach dem Fall Lea-Sophie waren ja viele Fachkräfte zutiefst verunsichert. Niemand wollte noch einmal öffentlich für den Tod eines Kindes verantwortlich gemacht werden. Die starke Verunsicherung hat jedoch dazu geführt, dass die Ängste und Sorgen der Kinderschützer ihre Aufgabenwahrnehmung zu stark überlagert haben, als dass sie selbstbewusst ihren Job gemacht hätten. Deshalb haben wir vor allem an der Selbstwahrnehmung der Fachkräfte gearbeitet."

Seit Dezernent Dieter Niesen das Jugendamt übernommen habe, hätte es nicht nur stetige Verbesserungen in der personellen, materiellen und technischen Ausstattung des Jugendamtes gegeben. "Wir konnten uns erstmals offen über alles aussprechen", sagt Birgit Ha becker. "Aus den einzelnen Mitarbeitern wurde ein Team." Sie sagt aber auch, dass es notwendig war, dass das alles in einem langen Prozess geschah. Und vor allem, dass es Hilfe von außen gab, von Profis wie Prof. Dr. Kay Biesel aus Basel und eben Prof. Dr. Reinhart Wolff. Alles, was zur Aufarbeitung der Verantwortung des Jugendamtes bei Lea-Sophie eine Rolle gespielt hat, wurde zusammengeführt in einem so genannten Fall-Labor. Aus diesen Erfahrungen und Ergebnissen, der Methode und dem Konzept sollen und können jetzt Jugendämter deutschlandweit lernen. Prof. Biesel hat bereits ein Buch dazu veröffentlicht, nach der Oktober-Konferenz des Kronberger Kreises in Schwerin unter Leitung von Prof. Wolff wird es mindestens ein weiteres geben.

"Wir haben schnell festgeschrieben, wie unser Jugendamt ausgestattet sein soll: mit 21 Sozialpädagogen und zwei Sachgebietsleitern", erinnert sich Dezernent Dieter Niesen. "Wir waren in den vergangenen vier Jahren immer bemüht, diesen Stand zu erreichen. Doch es gab immer wieder Engpässe und Vakanzen." Seit fast einem halben Jahr ist dieses Ziel nun Wirklichkeit. "Die Mitarbeiter haben vorher auch nichts liegen lassen", erklärt der Dezernent. "Sie hatten auch schon immer fachliche Ansprüche. Aber sie waren vorher eben wegen der äußeren Umstände und der daraus resultierenden Überlastung nicht in der Lage, diesen Ansprüchen gerecht zu werden." Heute könne im Team fachlich diskutiert und konsequent geholfen werden.

Das zeigt sich auch in einfachen Vergleichen. In den Jahren 2007 bis 2009 gab es jährlich durchschnittlich 200 Anzeigen wegen Kindeswohlgefährdung - weit mehr als vor dem Hungertod von Lea-Sophie. In einem Fall konnten die Jugendamtsmitarbeiter einem erst vierwöchigen Jungen durch schnelles Handeln das Leben retten. "Alle anderen Fälle waren nichts Akutes", sagt Birgit Habecker. Aber der Blick des Jugendamtes auf die Fälle war dennoch wichtig. Denn in jedem zweiten Fall, dem das Jugendamt nach einer Anzeige nachging, war Hilfe in der Familie notwendig und berechtigt. Vor Lea-Sophie war das nur in jedem dritten Fall so. Und das Jugendamt konnte inzwischen tatsächlich helfen. Aus den 65 Einzelfällen, die jeder Mitarbeiter der Behörde noch 2007 zeitgleich auf dem Tisch hatte, sind heute 41 geworden. "Und wir reden hier von richtigen Fällen, von arbeitsintensiven Akten, nicht von kleinen Empfehlungen für einen Kita-Platz", sagt Brigit Habecker. Und noch ein Fakt: Aus dem Schweriner Jugendamt gibt es - im Gegensatz zu vielen anderen Verwaltungsbereichen - keine Überlastungsanzeigen der Mitarbeiter mehr.

Es spricht auch für die heutige "Teamkultur", die Birgit Habecker beschwört, dass kein Mitarbeiter in diesem Prozess das Handtuch geworfen habe. "Allen war klar, dass wir den Fall aufarbeiten müssen", sagt die Sachgebietsleiterin. Neue Kollegen kamen hinzu - allesamt extern eingestellt. "Keinen von ihnen hat der in der Öffentlichkeit herrschende schlechte Ruf des Schweriner Amtes abgeschreckt", berichtet Dezernent Niesen. Diese Aufarbeitung des Falles Lea-Sophie nennt Birgit Habecker heute "therapeutisch". Und sie wurde dank Prof. Wolff einmalig auf der Welt.

Denn zum Prozess gehörten auch Gespräche mit den verurteilten Eltern und den engagierten Großeltern, die lange auch dem Jugendamt Schuld zugewiesen haben. Noch heute gibt es regelmäßige Treffen der Behördenmitarbeiter mit ihnen. Die Großeltern hätten sehr geholfen, betont Habecker. Und: "Wir haben doch immer noch Verantwortung. Lea-Sophie hat doch einen kleinen Bruder."

Dieter Niesen sagt heute, seine Mitarbeiter hätten Großes geleistet. Denn "die Aufarbeitung hatte eine sehr hohe emotionale Komponente". Da immer wieder den Weg zu den täglichen Aufgaben zu meistern, sei oftmals eine Herausforderung gewesen. Entstanden ist daraus etwas, was in vielen anderen Jugendämtern Deutschlands längst normal sei: Familienkonferenzen, Mitarbeiter-Coaching, Teamtage, Mentorenprogramme und vieles mehr. Und vor allem ein funktionierendes Jugendamt.

Noch heute müssen die Jugendamtsmitarbeiter damit leben, von Eltern, Großeltern und Angehörigen Vorwürfe zu hören und auch Drohungen, die nicht selten mit "wollen Sie eine zweite Lea-Sophie" anfangen oder aufhören. Da ist der Vater, ein Beamter, der es nicht für richtig hält, dass seine Ex-Frau das Kind mit nach Hamburg nehmen darf, obwohl sie doch auf Hartz IV angewiesen ist. Da sind die Großeltern, die nicht verstehen können, dass ihre Tochter ihnen den Enkel vorenthält. Diese und ähnliche Fälle füllen Akten in der Schweriner Behörde. "Wenn es dem Kind bei einem Elternteil gut geht aber vielleicht bei dem anderen besser, haben wir keine Handhabe, einzuschreiten", erklärt Dezernent Niesen vereinfacht die Gesetzgebung. Birgit Habecker ergänzt: "Wir sind nicht dafür da, Partei für ein Elternteil oder die Großeltern zu ergreifen. Uns interessiert in erster Linie das Wohlergehen des Kindes."

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