Joanne K. Rowlings neues Buch : Das Geheimnis ist gelüftet

Streng gehütet: Erst ab 9 Uhr morgens durften Buchläden die Exemplare von Joanne K. Rowlings 'Ein plötzlicher Todesfall' verkaufen. dapd
Streng gehütet: Erst ab 9 Uhr morgens durften Buchläden die Exemplare von Joanne K. Rowlings "Ein plötzlicher Todesfall" verkaufen. dapd

Die Lieferung lag schon seit Dienstag im Keller der Buchhandlung Weiland in Schwerin. Doch bis gestern früh, 9 Uhr, war Buchhändlerin Mandy Hoffmann der Blick in den Roman "Ein plötzlicher Todesfall" untersagt.

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27. September 2012, 07:56 Uhr

Schwerin | Die Lieferung lag schon seit Dienstag im Keller der Buchhandlung Weiland in der Landeshauptstadt. Doch bis gestern früh, 9 Uhr, war Buchhändlerin Mandy Hoffmann der Blick in den Roman "Ein plötzlicher Todesfall" untersagt. Nicht einmal die durchsichtige Schutzfolie durfte sie von dem neuen, 600 Seiten dicken Werk der "Harry Potter"-Schöpferin Joanne K. Rowling entfernen. 1000 Euro Strafe wären fällig geworden, wenn sie das Buch vor 9 Uhr ins Schaufenster gestellt hätte. "Solche strengen Auflagen sind super, super selten", sagt Hoffmann.

Ja, man kommt eigentlich nicht an diesem Buch vorbei. Eine satte halbe Million Stück beträgt die deutsche Startauflage - so viel will der Carlsen-Verlag mindestens absetzen. Mehr als 100 Exemplare von "Ein plötzlicher Todesfall" stehen allein in der Schweriner Weiland-Filiale links im Regal hinter der Kasse, rechts in der Ecke für Neuerscheinungen und liegen zentral auf einem Tisch. Doch eines war schnell klar: Einen Ansturm wie bei "Harry Potter", als Kunden bereits um sieben Uhr morgens Schlange standen, hat J. K. Rowling mit ihrem neuen Roman nicht ausgelöst. "Das erste Exemplar ist gegen 9.30 Uhr über den Ladentisch gegangen", sagt Mandy Hoffmann. Und sie betont: "Es ist ein ganz anderes Genre."

Reise in die Abgründe einer Kleinstadt

Aber ist der neue Roman der Autorin, die als Erfinderin von Harry Potter zur Dollar-Milliardärin und reicher als die Königin von England geworden ist, auch gut? Einiges durfte man ja schon vorab erfahren. Ein Buch für Erwachsene sei es, so Rowling gegenüber diversen Medien. Und: Es gehe in der Geschichte um den plötzlichen Tod des Gemeinderates Barry Fairbrother, um Sex, um schmutzige Geschäfte vor sauberer, typisch britischer Kleinstadtkulisse, um ebenso typisch britische Klassenschranken und um Rassismus. Und, so Rowling, um Vergänglichkeit und Moral.

Also mal im Detail: Die Sprache, den Ton des Romans zu beurteilen, wäre unfair bei einer unter so brutalem Druck entstandenen Übersetzung. Susanne Aeckerle und Marion Balkenhol hatten gerade mal vier Wochen Zeit.

In Sachen Story hat Rowling nicht zu viel versprochen: Schon nach zweieinhalb Seiten hat sie Barry Fairbrother, Gemeinderat von Pagford, sehr anschaulich zu Tode gebracht. Er endet mit einem geplatztem Blutgefäß im Hirn in einer Pfütze aus Erbrochenem auf dem Parkplatz eines Golfclubs. Danach führt Rowling den Leser hinter die bürgerlichen Kulissen in ein wahres Kleinstadt-Pandämonium mit reichlich Sex und Drogen.

Fairbrother ist, obwohl seit Seite elf mausetot, die Hauptfigur des Romans. Als Mitglied des Gemeinderates setzte er sich sehr für Jugendliche aus der Sozialsiedlung ein, darunter auch für die 16-jährige Krystal, die mit ihrer drogensüchtigen Mutter und dem kleinen Bruder Robbie in einer heruntergekommenen Wohnung lebt. Fairbrothers Gegenspieler ist Howard Mollison, Feinkosthändler und Vorsitzender des Gemeinderates. Mollison will die Wahl des neuen Gemeinderatsmitglieds manipulieren.

"Ein plötzlicher Todesfall" ist dennoch kein reines Erwachsenenbuch, wie auch die Potter-Romane keine reinen Jugendbücher waren. Viele der - vielen - Romangestalten sind Jugendliche und Heranwachsende, und Rowling bringt ihnen, ihren Problemen und Nöten lesbar viel Sympathie entgegen. Klar, es ist von "Ficken" und "Wichsen" die Rede, jemand wird "Pickelfresse" geschimpft, es gibt explizite Sex-Szenen. Aber schockiert das jemanden um die 16? Sicher nicht. Wie in "Harry Potter" geht es um Liebe und Gerechtigkeit, um Standesdünkel, Skrupellosigkeit und Machthunger, aber auch um Moral, um die Kraft von Freundschaft, um Anteilnahme und um Liebe.

Fairbrother - das ist ein sprechender Name und er ließe sich wörtlich mit "gerechter Bruder" übersetzen oder frei mit "Gutmensch". Denn Fairbrother, der als Rudertrainer aus lauter Working-Class-Jugendlichen ein Achter-Team formt, das es den schnöseligen Upperclass-Mädchen bei einer Regatta mal ordentlich zeigt, gibt niemanden verloren.

Ein strahlender Held ist er dennoch nicht. Überhaupt vermeidet Rowling eine klare Teilung in nur böse und nur gute Charaktere. Sie zeichnet neben expliziten Widerlingen wie Mollison senior auch vielschichtigere Figuren, was viele ihr nicht zugetraut hatten. Nur ein Happy End gönnt Rowling ihren Figuren diesmal nicht. Allenfalls einen Hoffnungsschimmer.

Spannend ist das auf jeden Fall, ein "Page-Turner", ein Schmöker, wie die englischsprachigen Rezensenten in den USA konstatierten. Wer böse sein will, mag sagen: Es fehlen nur Inspector Lynley und Sergeant Havers, und "Ein plötzlicher Todesfall" ginge als ein mit Labour-Party-Romantik aufgeladener Elizabeth-George-Krimi durch. Die Fairness gebietet aber ein anderes Urteil: Nichts für literarische Feingeister, aber spannend geschrieben, mit interessanten Figuren, deutlicher, aber nicht aufdringlicher Moral und der richtigen Dosis Bitterkeit - gar nicht übel.

Auch Buchhändlerin Mandy Hoffmann will den Roman noch lesen. Ab sofort natürlich straffrei.

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