Görslow : Bundesbeauftragter im Stasi-Archiv

Podiumsgespräch führte zu reger Diskussion der Zuhörer.
Podiumsgespräch führte zu reger Diskussion der Zuhörer.

Podiumsgespräch zur Ausbürgerung Wolf Biermanns mit Zeitzeugen Roland Jahn und Heiko Lietz führte zu angeregter Diskussion im Saal

svz.de von
22. April 2018, 21:00 Uhr

„Ich bin zum ersten Mal bei so einer Veranstaltung hier. Aber Roland Jahn hat mich einfach mal interessiert“, erklärte Gerd Ledderboge aus Cambs. Er war am Sonnabend einer von etwa 35 Zuhörern, die trotz schönsten Frühlingswetters den Nachmittag im Stasi-Archiv in Görslow verbrachten. Sie wollten wissen, was der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen zu sagen hatte. Ausgangsthema war die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann 1976, doch dabei blieb es nicht. Das Gespräch dazu mit Roland Jahn und Heiko Lietz, moderiert von Siv Stippekohl vom NDR, führte im Saal zu einer angeregten Diskussion geschichtlicher und politischer Themen. Denn die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann war einerseits eine Zäsur in der Kulturgeschichte der DDR, führte sie doch zu einer Protestwelle vor allem unter Künstlern und Intellektuellen. Infolgedessen verließen zahlreiche Künstler das Land, so auch solche von den DDR-Oberen sehr geschätzte wie der Chansonnier und Schauspieler Manfred Krug, seine Kollegen Angelica Domröse und Winfried Glatzeder, Musikerin Nina Hagen oder der Schriftsteller Erich Loest.

Andererseits bespreche er gern mit Schulklassen anhand dieses Vorgangs Themen wie Haltung, Mut und Verrat, so Jahn „Ich war damals Student an der Uni in Jena und unterschrieb die Protestresolution.“ Daraufhin habe die Staatssicherheit beschlossen, seine Mitstudenten sollten darüber entscheiden, ob er exmatrikuliert werde oder nicht. „Das Ergebnis war 13:1. Gegen mich“, erzählte Jahn, offensichtlich immer noch bewegt vom Verrat teilweise mit ihm befreundeter Kommilitonen. Nach der Exmatrikulation wurde er zu einer fast zweijährigen Haftstrafe verurteilt. Auf Anraten des Mecklenburger Anwalts Wolfgang Schnur, später als informeller Mitarbeiter der Stasi enttarnt , stellte Jahn im Gefängnis einen Ausreiseantrag. Als er entlassen wurde, zog er den Antrag zurück, doch die DDR wollte einen Kritiker loswerden, nahm ihn bei einem Einsatz mit 100 Beamten fest und setzte ihn in einen Zug nach Bayern. „Meine Mutter erstickte am Telefon fast vor Tränen. Über die Trennung von der Familie kam man die ganze Zeit nicht hinweg.“

„Hat sich später jemals jemand von den Kommilitonen entschuldigt?“, wollte ein Zuhörer wissen. Das musste Jahn verneinen, sagte aber: „Im Nachhinein habe ich in meinen Akten gelesen, dass jeder Einzelne von der Stasi vor dieser Abstimmung unter Druck gesetzt wurde.“ Er stelle heute an sich selbst fest, dass man zu schnell bereit sei, Kompromisse einzugehen oder vorauseilenden Gehorsam zu leisten. Denn dem Einen, der damals gegen seine Exmatrikulierung gestimmt habe, sei nichts passiert. „,Vorauseilender Gehorsam‘ ist für mich das Stichwort“, sagte Gerd Ledderboge. „Die Schweriner Volkszeitung zeigt ja in den letzten Wochen erfreuliche Ansätze dagegen, indem sie verstärkt Meinungen der Leser veröffentlicht.“ Die Diskussion im Saal drehte sich dann vor allem darum, dass auch in der jetzigen Demokratie immer wieder um verfassungsmäßig garantierte Menschenrechte gekämpft werden müsse. „Ich habe vor zehn Jahren meine eigene Stasi-Akte eingesehen“, erzählte Ledderboge. „Da war aber so viel geschwärzt, deshalb will ich sie noch mal einsehen. Ich finde es unheimlich wichtig, dass man die Stasi-Archive offen lässt und dafür auch gern Steuergelder ausgibt. Die Zeitzeugen sterben weg.“

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