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„Armutszuwanderung“ : Bulgarin wehrt sich gegen Vorurteile

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Krasimira Simeonova-Hristova lebt und arbeitet in Mecklenburg – und hat kein Verständnis für die aktuelle Debatte über die „Armutszuwanderung“

svz.de von
erstellt am 26.Jan.2014 | 12:00 Uhr

Wenn Krasimira Simeonova-Hristova die aktuelle Debatte über die angebliche Armutszuwanderung aus Bulgarien und Rumänien verfolgt, kann sie nur mit dem Kopf schütteln. Vor drei Jahren kam die Bulgarin nach Deutschland, arbeitete zunächst in einem Hotel in der Müritz-Region, dann in einem Schweriner Gastro-Unternehmen. Seit 2013 ist die 45-Jährige als Kellnerin in einem Hotel in Banzkow beschäftigt. Vom Lohn bezahlt sie ihre Wohnung im Mueßer Holz und den Lebensunterhalt für sich und ihre beiden Kinder. Sicher, sagt Krasimira Simeonova-Hristova, es gäbe immer wieder Menschen, die das soziale System ausnutzten – Deutsche und Ausländer. „Auch ich ärgere mich darüber.“ Aber man dürfe doch keine pauschalen Urteile über die Bevölkerungen ganzer Länder fällen.

Der Chef des Betriebes in der Müritz-Region habe ihr im April 2011 das Angebot gemacht, nach Mecklenburg zu kommen, erzählt Krasimira Simeonova-Hristova. „Er war Stammgast in dem Lokal am Schwarzen Meer, in dem ich damals gearbeitet habe.“ Ein halbes Jahr habe sie dann in Deutschland gekellnert, ein halbes Jahr in Österreich, danach wieder ein halbes Jahr in Deutschland. Nach einem Job in einem Hotel in Schwerin fand die 45-Jährige im August 2013 schließlich die feste Anstellung in Banzkow. Zur gleichen Zeit holte sie auch ihren 20-jährigen Sohn und ihre 14-jährige Tochter nach Deutschland.

In Bulgarien habe sie zwei Berufe gehabt, tagsüber im Restaurant und nachts in einem Kiosk gearbeitet, sagt Krasimira Simeonova-Hristova. „Trotzdem konnte ich von beiden Jobs nicht leben.“ Aus diesem Grund habe sie die Chance beim Schopfe gepackt und sei zum Geldverdienen ins Ausland gegangen. „Ich wollte einfach ein normales Leben führen.“ Arbeitgeber in ihrer Heimat zahlten oft keine Löhne, berichtet die Bulgarin. Die wirtschaftliche Lage im Land bleibe schwierig, so sei es kein Wunder, dass sich immer mehr Menschen aufmachten, jenseits der Grenzen ihr Heil zu suchen. „Auch viele meiner Bekannten möchten nach Deutschland kommen – um zu arbeiten.“

In der Bundesrepublik fühle sie sich wohl, betont Krasimira Simeonova-Hristova. „Hier habe ich Sicherheit und bekomme mein Recht.“ Ihre Tochter gehe auf die Erich-Weinert-Schule, sagt die 45-Jährige. „Als sie nach Deutschland kam, beherrschte sie als Fremdsprache nur Englisch.“ Inzwischen könne ihre Tochter aber in der Schule mithalten, schildert die Mutter. Ihrem Sohn sei vom Jobcenter ein Deutsch-Kurs vermittelt worden. „Er hat in Bulgarien das Abitur gemacht und möchte studieren“, so Krasimira Simeonova-Hristova. Mit ihren deutschen Kollegen versteht sich die Bulgarin gut: „Sie haben mir sogar beim Umzug geholfen.“

Nach Angaben des Schweriner Integrationsbeauftragten Dimitri Avramenko lebten Ende vergangenen Jahres rund 130 Bulgaren in der Landeshauptstadt. Dass sich die Zahl mit der Arbeitnehmerfreizügigkeit seit dem 1. Januar erhöht habe, sei wahrscheinlich, lasse sich statistisch aber noch nicht belegen. „Es ist verständlich, dass Menschen ein besseres Leben führen wollen, sich auch vom deutschen Sozialsystem angezogen fühlen“, sagt Dimitri Avramenko. Er warnt aber ebenfalls vor Pauschalisierungen. Die Unterstellungen in der Debatte über die vermeintliche Armutszuwanderung, angezettelt vor allem von der CSU mit dem Slogan „Wer betrügt, der fliegt“, seien nicht akzeptabel, so der Integrationsbeauftragte. Erfahrungen mit der bisherigen Freizügigkeit von Arbeitnehmern aus Osteuropa belegten: Die Menschen suchen einen Job und wollen sich integrieren.

Dimitri Avramenko sieht in der Zuwanderung vor allem eine Chance für Deutschland. Dabei gehe es durchaus nicht allein darum, den Fachkräfte-Bedarf vieler Unternehmen in der Bundesrepublik zu sichern. „Migranten sind auch kulturelle Brückenbauer“, betont Schwerins Integrationsbeauftragter. Die Landeshauptstadt, in der derzeitig rund 6500 Menschen mit Migrationshintergrund lebten, habe sich mit ihrem Integrationskonzept auf diese Situation eingestellt, fördere etwa den Aufbau eines Dolmetscher-Pools. Sprache und Bildung seien die Schlüssel für den Zugang zum Arbeitsmarkt und für eine erfolgreiche Integration, unterstreicht Dimitri Avramenko.

Krasimira Simeonova-Hristova hat sich die deutsche Sprache selbst beigebracht. Ihre Kinder sollen es einmal leichter haben im Leben. Wo die Familie ihre Zukunft sehe, sei dabei klar. „Wir wollen in Deutschland bleiben“, sagt die Mutter.

 

 

 

 

 

 

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