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Zeitung für die Landeshauptstadt

23. Oktober 2017 | 21:14 Uhr

Wiederaufbau : Bürokratie nervt Flutopfer

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Kamern in Sachsen-Anhalt braucht dringend seinen Jugendtreff – doch der Wiederaufbau steht in den Sternen

von
erstellt am 05.Jun.2014 | 14:40 Uhr

Ärger und Enttäuschung sind der Jugendtreff-Leiterin Petra Güldenpfennig anzusehen. „Die Kinder sind frustriert und wir wissen nicht, wie es weiter geht.“ Sie steht vor der Ruine des einstigen Freizeitclubs für mehr als hundert Kinder und Jugendliche in Kamern im Elbe-Havel-Dreieck im nördlichen Sachsen-Anhalt. Ursprünglich sollte die Einrichtung im Sommer 2014 wieder stehen. „Davon kann heute keine Rede mehr sein.“ Petra Güldenpfennig winkt ab.

Auch der Bürgermeister von Kamern, Klaus Beck, ist genervt. Er wirft nach 16 Jahren Ehrenamt das Handtuch. „Der Kampf mit der Bürokratie um Entschädigung für die Flutschäden hat Kraft gekostet“, sagt der Unternehmer. Am 30. Juni gibt er sein Amt auf.

Rückblende: Vor einem Jahr – am 10 Juni 2013 – brach der Deich bei Fischbeck nordöstlich von Magdeburg. Tagelang strömten Wassermassen ins dortige Hinterland und überfluteten eine Fläche doppelt so groß wie die Müritz. In Kamern waren 60 Gebäude beschädigt – darunter auch der Jugendtreff. Drei Wochen stand das Gebäude unter Wasser.

Die Hilfsbereitschaft nach der Flut vor einem Jahr war riesig. Insgesamt 90 000 Euro wurden allein bei der Spendenaktion unserer Zeitung gemeinsam mit der Caritas für die Flutopfer gesammelt. 40 000 Euro davon sollten in den Wiederaufbau des zerstörten Jugendtreffs in Kamern gesteckt werden.

Als wir das erste Mal im Juni 2013 dorthin fuhren, konnten wir den Treff nur mit dem Schlauchboot erreichen. Tote Tiere trieben im Wasser. Es stank überall. Als drei Wochen später das Hochwasser abfloss, wollten Kinder, Betreuer und Einwohner sofort mit dem Wiederaufbau beginnen.

Der Jugendtreff wird dringend gebraucht. „Kommerzielle Freizeitangebote wie in größeren Städten gibt es hier überhaupt nicht“, sagt Bürgermeister Beck. Für Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien sei die Einrichtung so ziemlich das einzige Angebot weit und breit.

Wiederum drei Wochen später kam nach Untersuchungen am Gebäude die Hiobsbotschaft: Das Hochwasser hatte den Untergrund verändert und das Fundament so stark zerstört, dass der Jugendclub abgerissen werden muss. Trotzdem war der Enthusiasmus für den Wiederaufbau ungebrochen. Ein Architekt projektierte in kurzer Zeit einen neuen Treff. Was fehlte war allerdings das Geld. Rolf Müller, Leiter des Jugendzentrums in Havelberg, rechnet vor: „300 000 Euro Gebäudeschaden, 80 000 Euro Schäden am Hausrat, 300 000 Schäden an den Außenanlagen.“ Neben den 40 000 Euro aus der Spendenaktion unserer Zeitung wurden also weitere 640 000 Euro aus dem Aufbauhilfefonds sowie aus dem Europäischen Solidaritätsfonds benötigt. Allerdings erst im Dezember 2013 stimmte die EU-Kommission den Richtlinien für die Vergabe der Gelder zu.

Ab Weihnachten hagelt es im Landesverwaltungsamt im fernen Halle, das das Geld für den Wiederaufbau in Sachsen-Anhalt verteilt, Anträge. Allein zur Wiederherstellung der Infrastruktur der Kommunen in den von Hochwasser betroffenen Regionen des Bundeslandes wurden 1442 Anträge mit einem Gesamtvolumen von 297 Millionen Euro gestellt. Bis Ende Mai sind davon erst 393 Anträge bearbeitet und 4,2 Millionen Euro ausgezahlt. „Immer wieder gab es bei uns Nachfragen, es geht nicht voran“, sagt Bürgermeister Beck.

In Schwerin verwaltet die Caritas die Spendengelder für die Flutopfer von Kamern. „Bis heute liegen die 40 000 Euro ungenutzt auf dem Konto“, berichtet Mathias Thees von der Caritas. Die Hilfe könnte sofort abgerufen werden. Doch es tut sich nichts.

„Nach dem Förderrecht dürfen wir nicht einfach mit den 40 000 Euro anfangen, sondern müssen warten, bis unser Antrag bewilligt ist“, erklärt Rolf Müller. Doch das könnte dauern. „Angesichts der Komplexität vieler Schadensfälle wird sich die Wiederaufbauhilfe noch über längere Zeit hinziehen“, heißt es in einer Stellungnahme der Landesregierung.

Eine Alternative wäre aus Sicht von Müller, das Spendengeld stattdessen in die mobile Jugendarbeit einzusetzen und den Kindern für den Transport in andere Treffs einen Kleinbus zu kaufen.

 

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