Stolpersteine : Bürger stolpern mit ihren Herzen

Aktionskünstler Gunter Demnig verlegt in der Schmiedestraße 18 zwei Erinnerungssteine für die Löwenthals. In Europa liegen mittlerweile fast 45 000 Stolpersteine – jeweils vor den letzten freiwillig gewählten Wohnsitzen der Verfolgten. Fotos: Klawitter (3)
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Aktionskünstler Gunter Demnig verlegt in der Schmiedestraße 18 zwei Erinnerungssteine für die Löwenthals. In Europa liegen mittlerweile fast 45 000 Stolpersteine – jeweils vor den letzten freiwillig gewählten Wohnsitzen der Verfolgten. Fotos: Klawitter (3)

In der Landeshauptstadt erinnern 52 glänzende Gedenksteine stellvertretend an alle Schweriner Opfer des Nazi-Regimes

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10. März 2014, 08:00 Uhr

Es sind europaweit fast 45 000, die jüngsten beiden hat Gunter Demnig jetzt vor dem Eingang der Schmiedestraße 18 verlegt. Die zwei Stolpersteine erinnern an die Schicksale von Fritz und Sophie Löwenthal. Dort war der letzte freiwillig gewählte Wohnsitz des kinderlosen, jüdischen Paares aus Schwerin, das dort ein gut gehendes Uhrenhaus mit Werkstatt betrieben hatte. Die beiden zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplatten im Gehweg erinnern stellvertretend an alle Opfer des Nazi-Regimes, nicht nur die jüdischen. Das betonen Initiatorin Sabine Klemm und Schwerins Stadtarchivar Dr. Bernd Kasten.

„Jeder Stolperstein ist eine Erinnerung, über die die Menschen mit dem Herzen und mit dem Kopf stolpern“, erklärt Aktionskünstler Gunter Demnig den Hintergrund. Wer lesen wolle, was auf den Platten steht, muss nach unten schauen. Das sei wie eine kleine Verbeugung. „Ich habe auch schon ältere Menschen auf allen Vieren gesehen, um die Inschrift eines Steins zu lesen. Sie hatten ihre Brille vergessen.“ Das Projekt war anfangs umstritten. Mehrere Jahre hatte es gedauert, bis der Kölner ernst genommen wurde. Das Gegenargument: Die Menschen würden die Erinnerungssteine im Bürgersteig mit Füßen treten. „Das Gegenteil ist der Fall: Durch die ständige Benutzung werden die Messingplatten blank poliert und die eingestanzte Schrift bleibt leserlich. Eine Art lebendige Erinnerung“, erklärt der Künstler, der inzwischen schon so lange Stolpersteine verlegt, dass es seine Knie nicht mehr so ganz mitmachen.

Knapp hundert Menschen verfolgten die Verlegung der jüngsten neun Stolpersteine in Schwerin: in der Mecklenburgstraße 89 für Margarete, Anna und Dr. John Bonheim, im Großen Moor 17 für Joseph Fliesswasser, in der Münzstraße 35 für Dora und Lotti Fliesswasser, in der Alexandrinenstraße 3 für Gustav Perl und eben in der Schmiedestraße 18. Bei einer Gedenkfeier erinnerten Stadtpräsident Stephan Nolte, Initiatorin Sabine Klemm und weitere Redner an die Schicksale der Schweriner Familien. Auch Landesrabbiner William Wolff war als unermüdlicher Brückenbauer zwischen Juden und Nichtjuden anwesend.

„Die Stolpersteine erinnern uns daran, dass Demokratie kein Geschenk ist und wir auch heute verhindern müssen, dass Menschen wegen ihrer Religion oder Weltanschauung, wegen ihres Alters oder Geschlechts diskriminiert oder verfolgt werden“, so Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow. „Diese Initiative muss unterstützt werden, deshalb hat sich die Landeshauptstadt mit einer Spende an der Finanzierung der Stolpersteine beteiligt.“

Auch einige Angehörige der Opfer waren nach Schwerin gereist. „So verbinden die Steine zum Teil auch längst auseinander gerissene Familien miteinander“, erzählt Gunter Demnig. Er bereitet sich auf die nächsten Stolperstein-Verlegungen vor, u.a. im norwegischen Tromsø, „dem dann nördlichsten Stein“.

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