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Grosses Theater in Schwerin : Bretter, die ihm die Welt bedeuten

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In „Faust – Ein Solo“ verkörpert Nils Höddinghaus fast alle Rollen selbst: Im Interview verrät er, was den Zauber der Bühne ausmacht

svz.de von
erstellt am 03.Feb.2017 | 12:00 Uhr

Obwohl es nicht sein Plan war Schauspieler zu werden, liebt es Nils Höddinghaus auf der Bühne zu stehen. Die Türen des Theaters sind für den 28-Jährigen das Tor in eine andere Welt. Der gebürtige Bielefelder kommt vom Jungen Staatstheater Parchim und ist derzeit in dem Stück „Faust – ein Solo“ im E-Werk Schwerin zu sehen. Im Interview mit Jacqueline Worch spricht der Schauspieler über seine facettenreiche Rolle, das Theater und das Bühnenleben.

Wie kann ich mir das vorstellen, dass Sie alle Rollen im Stück selbst verkörpern? Es gibt im goethischen Text ja auch Szenen, in denen mehrere Rollen gleichzeitig auftreten.

Nils Höddinghaus: Thilo Schlüßler, der Regisseur, hat das Konzept für „Faust – Ein Solo“ arrangiert und hat es im Prinzip auch als Klassenzimmerstück konzipiert. Das heißt, er hat das Stück heruntergebrochen auf das Nötigste und hat dabei festgestellt, dass die Story von Faust eigentlich aufgebaut ist wie ein Hollywoodfilm. Und entlang dieser Story im Hollywoodstil gehe ich praktisch durch das Stück. Oftmals bin ich dann auch ein Moderator und erkläre, was passiert. Immer im Zusammenspiel mit den Zuschauern, gleichzeitig aber dann auch immer wieder reinspringend in kleine Ausschnitte von Szenen, die markantesten. Und das, was ich nicht alleine stemmen könnte, erzähle ich mit Hilfe des Publikums.

Das Publikum wird in das Stück einbezogen?

Genau. Deswegen stimmt es auch nicht ganz – alle Rollen spiele ich nicht alleine. Ich bitte die Zuschauer, kurz mit einzuspringen. Ich habe in jeder Vorstellung ein anderes Gretchen, oder einen anderen Valentin - auch Famulus Wagner. Die treten ganz kurz mit auf. Die Zuschauer haben nichts Schlimmes zu machen. Sie gucken zwar erst entsetzt, wenn ich sie anspreche, aber im Grunde ist es selbsterklärend, was sie dann machen müssen und alle haben einen Riesenspaß dabei.

Das hat bisher also immer gut funktioniert?

Ja, eigentlich wundert mich das immer wieder. Man kennt das ja auch selber. Wenn ich im Theater sitze und weiß, dass ich angesprochen werden kann, dann sitze ich die ganze Zeit unentspannt auf meinem Stuhl. Aber das versuche ich den Leuten immer zu nehmen. Klappt fast immer.

Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von der Inszenierung gehört haben?

Hammer – das will ich unbedingt machen.

Was ist das für ein Gefühl, an dieser Inszenierung mitzuwirken?

Es ist ein gutes Gefühl. Ich kann mich noch an die Proben erinnern. Da war es nicht so ein gutes Gefühl, weil es dann doch sehr viel Text ist, wenn man alles macht. Und wenn man dann auch noch so hin- und herspringen muss und man kennt den Text noch nicht so gut, ist auch dieses Wechseln innerhalb der verschiedenen Rollen sehr aufwendig und sehr kompliziert. Man will ja auch deutlich machen: Das ist jetzt jemand anderes. Das ist jetzt eine Frau und das ist der Teufel.

Wie haben Sie sich auf die Inszenierung vorbereitet?

Der Faust-Stoff begleitet mich eigentlich schon sehr lange. In der Schulzeit habe ich ein Referat darüber gehalten. An der Schauspielschule ging es dann mit den Mephistomonologen weiter. Und mit diesen habe ich mich dann auch an den Theatern beworben. Als ich die Rolle in dieser Inszenierung dann bekommen habe, war das wunderbar für mich, weil ich den ersten Teil von Faust sehr gerne mag. Und direkt am Anfang meiner Theaterkarriere so einen Brocken spielen zu dürfen, das ist schon toll.

Was war die größte Herausforderung bei der Ausarbeitung der Rollen?

Man hat als Schauspieler immer so seine Vorstellungen wie die einzelnen Rollen sind. Ich hab sie dann nach meiner eigenen Vorstellung erstmal angelegt, habe dann aber gemerkt, dass sie sich doch stärker unterscheiden müssen. Dadurch, dass es immer so ein Hin- und Herspringen der Rollen ist, müssen die Charaktere eine besondere Eigenschaft haben, damit auch die Zuschauer erkennen, welche Rolle ich gerade verkörpere. Das war die größte Herausforderung: von den eigenen Vorstellungen abzuweichen, um etwas deutlicheres zu finden.

Mit welcher „Faust“-Rolle identifizieren Sie sich am meisten?

Ich habe immer sehr gerne die Mephisto-Monologe vorgetragen. Ich identifiziere mich nicht unbedingt mit ihm, aber ich mag die Art wie diese Rolle gebaut ist, wie ich sie sprechen kann, bewegen lasse. Ansonsten glaube ich, dass sich jeder mit Faust identifizieren kann, weil er ja die großen Fragen stellt: Was ist der Sinn des Lebens? Was passiert nach dem Tod? Deswegen ist Faust auch heute noch so gefragt.

Wie lange haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Nicht länger als auf andere – etwa vier bis fünf Wochen. Es war die schwierigste Probezeit meiner jungen Karriere, aber auch die intensivste und beste.

Wie sind Sie zur Schauspielerei gekommen?

Ich bin, wie viele eigentlich, während der Schule auf den Geschmack gekommen. Ich war in der Schule ein stiller Vertreter. Ein zwar beliebter, aber unter dem Radar laufender Mitschüler. Und dann gab es irgendwann den Drama-Kurs. Da haben wir Shakespeare gespielt und ich hatte erst eine winzige Rolle. Dann schaute ich mir das so an und dachte: ‘Moment, der der da diese Rolle spielt – das könnte ich besser.’ Dann habe ich all meinen Mut zusammen genommen, bin zum Regisseur gegangen und habe gefragt, ob ich die Rolle nicht übernehmen kann. Das war natürlich sehr forsch, aber ich durfte die Rolle tatsächlich übernehmen, denn derjenige, der sie eigentlich gespielt hat, war völlig überfordert und froh über den Tausch. Und das war wirklich meine Coming-Out-Party was meinen Charakter betrifft. Von diesem Punkt an war ich einfach verändert – ich war ein anderer Mensch. Ich hab dem Ganzen aber immer noch nicht getraut und habe nach der Schule erstmal Linguistik studiert. Während des Studiums habe ich dann aber gemerkt, dass das nichts für mich ist. Ein guter Freund von mir hat dann gesagt, dass jeder in seinem Leben mal auf eine Schauspielschule gehen muss. Ob er nun Schauspieler werden will oder nicht. Irgendwann hatte ich vom Studium dann genug und habe mich an Schauspielschulen beworben. Es war nie der Plan, Schauspieler zu werden. Ich wollte es einfach nur machen, weil ich gemerkt habe, was das mit einem machen, wie es einen verändern kann. Ich bin dann an der Schauspielschule mehr oder weniger erwachsen geworden. Dort bin ich charakterlich gereift und hab Selbstvertrauen getankt. Selbst wenn es mit der Schauspielerei nichts geworden wäre, hat mir die dreijährige Ausbildung wahnsinnig weiter geholfen.

Was gefällt Ihnen am Bühnenleben?

Das ist auch immer die Frage, die beim Vorsprechen gestellt wird. Und ich habe lange über eine gute Antwort nachgedacht und die ist: der Boden. Mir gefällt dieser dunkle Holzfußboden total gut. Deswegen bin ich auch immer froh, hier in Schwerin zu spielen. Unser Theater in Parchim ist ja nun seit drei Jahren geschlossen. Es ist etwas anderes, ob man in einer Aula auf der Bühne steht oder in einem Theater, wo der Boden so einen schönen Klang gibt. Ich liebe die Räumlichkeiten und die Atmosphäre eines Theaters.

Gibt es schauspielerische Projekte, die Sie hoffen, verwirklichen zu können?

Ich bin ein großer Shakespeare-Fan und es ist ein Traum von mir, seine großen Rollen alle einmal zu spielen. Ich möchte Macbeth spielen, Richard III. und Hamlet.

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